GROSSE ZUFRIEDENHEIT BEI AUSSTELLERN UND SAMMLERN

Die 55. Stuttgarter Antiquariatsmesse ging am Sonntag zu Ende

Bibliophile Erstausgaben und dekorative alte Drucke, reizvolle Kinderbücher und moderne Graphik, außergewöhnliche Handschriften und bedeutende Werke aus den Geistes- und Naturwissenschaften locken jedes Jahr Ende Januar Händler und Sammler nach Stuttgart. Auch in Zeiten des Internets gibt es ein großes Interesse an papierenen Raritäten, wie die 55. Antiquariatsmesse wieder bewies. Die 70 Ausstellerinnen und Aussteller, die auf Einladung des Verbandes Deutscher Antiquare im Kunstgebäude am Schlossplatz ihre Schätze präsentierten, zeigten sich nach den drei Messetagen mehrheitlich sehr zufrieden.

 Bei der Eröffnung am Freitagvormittag gab es wie immer einen großen Andrang auf die Stände – es ist die Stunde der Jäger unter den Sammlern. Das begehrteste Objekt war ein Exemplar der berühmten »Schedelschen Weltchronik«, eine reich illustrierte Inkunabel, 1493 in Nürnberg gedruckt. Elf Interessenten hatten sich beim Antiquariat Büchel-Baur aus Winnenden eingefunden und das Los musste entscheiden, wer das großformatige Werk für 23 000 Euro mit nach Hause nehmen durfte.
Auf zwanzig Exponate wurde gelost, darunter waren der Brief von Martin Luther King bei Stargardt für 3000 Euro, eine Moritat des jungen F. T. Vischer bei Turszynski für 1500 Euro, eine prachtvolle Ernennungsurkunde bei Heckenhauer für 1980 Euro und Martin Luthers Werk gegen den Ablasshandel »Teutscher Adel« beim Tresor am Römer für 11 000 Euro. Über erstaunliches Interesse gleich für mehrere Bücher zur Wurstologie konnte sich das Antiquariat Klittich-Pfankuch freuen; sie kosteten zwischen 200 und 650 Euro.
Für eine Rarität, die Gerhard Gruber mitgebracht hatte, Georg Neumarks »Glückwünschende Schertzreime« von 1651 standen Vertreter dreier großer deutscher Bibliotheken (mit Schecks über 2500 Euro) Schlange – überhaupt scheint die öffentliche Hand wieder spendabler zu sein …

Besonders erfreulich ist es, wenn die Erstteilnehmer mit dem Messeverlauf so zufrieden sind: Emanuel von Baeyer hatte aus London das »Mushroom Book« von John Cage mitgebracht, das für 15 000 Euro den Besitzer wechselte. Einen zeitgenössisch gebundenen Sammelband konnte Konstantinopel aus den Niederlanden für 5500 Euro verkaufen. Seit vielen Jahren kommt das Amsterdamer Antiquariat Die Schmiede gern zur Stuttgarter Messe, diesmal ging dort zuerst Thomas Manns »Unordnung und früher Leid« für 3000 Euro über den Tresen.

Sehr gut angenommen werden die seit einigen Jahren angebotenen Führungen, bei denen Interessierte ein wenig hinter die Kulissen des Antiquariatshandels blicken und dabei die diesen Berufsstand prägende Leidenschaft für ihre »Ware« erfahren durften.
Zum 55. Geburtstag hatte sich die Stuttgarter Messe ein besonderes Geschenk gemacht: die Ausstellung »Der Antiquar lässt sich fotografieren«. Vor 30 Jahren, 1985, hatte der Stuttgarter Fotograf Joachim Siener Porträts der Händlerinnen und Händler aufgenommen und damit gewissermaßen eine Momentaufnahme der Messegeschichte geschaffen. Die Sonderausstellung fand großes Gefallen bei allen Besuchern – vielfach auch Erinnerungen weckend. Und die Benefiz-Auktion führte zu einem der heitersten Samstagabende.

Das Resümee der neu gewählten Vorsitzenden des Verbands Deutscher Antiquare, Sibylle Wieduwilt, klingt außerordentlich zufrieden: »Für viele Aussteller war es eine gute bis sehr gute Messe mit regem Besucherandrang, vielen anregenden Gesprächen und einem vergnüglichen Vernissagen-Abend. Wir freuen uns schon auf die 56. Antiquariatsmesse!«

→ Bibliophile notieren sich bereits den Termin: 27. bis 29. Januar 2017.




55. STUTTGARTER ANTIQUARIATSMESSE

Buch und Kunst im Württembergischen Kunstverein vom 29. bis 31. Januar 2016

 

AUF EINEN BLICK

Das größte Schaufenster für wertvolle Objekte des Antiquariats- und Graphikhandels ist in Deutschland die Ende Januar zum 55. Mal stattfindende Stuttgarter Antiquariatsmesse.

Organisiert vom Verband Deutscher Antiquare e. V. präsentieren 70 Aussteller, davon 17 aus dem Ausland, ihre Schätze: Bibliophile Erstausgaben und Autographen, Inkunabeln und Frühdrucke, prachtvoll illuminierte Handschriften, Originalgraphik alter Meister, Künstlerbücher und Pressendrucke, bedeutende Werke aus den Geistes- und Naturwissenschaften, Reisebücher, Stadtansichten und Karten, Kinderbücher und schön illustrierte Ausgaben jeder Art.

Die Messe fasziniert wie in jedem Jahr durch die Vielfalt des Angebots vom originellen Einzelstück bis zum Millionenobjekt, Preziosen vom Mittelalter bis zur Neuzeit.

Die 70 Antiquare, Autographen- und Graphikhändler auf dieser international wichtigsten Messe im deutschsprachigen Raum kommen aus Deutschland, Großbritannien, Italien, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden. Zum ersten Mal sind in Stuttgart dabei: Stefania Bado, Antiquariato Librario Bado e Mart di Renato Bado (Padua, Italien), Emanuel von Baeyer Ltd (London, Großbritannien), Robert A. van den Graven, Konstantinopel rare & fine books (Enschede, Niederlande).

→ Die 55. Stuttgarter Antiquariatsmesse findet vom 29. bis 31. Januar im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz statt.

Die Öffnungszeiten sind: Freitag, 29. Januar: 11 Uhr bis 19.30 Uhr, Samstag und Sonntag, 30. und 31. Januar: 11 Uhr bis 18 Uhr.
Der Eintritt kostet 5 Euro, Kinder bis 12 Jahre haben freien Eintritt. Das Kombiticket berechtigt gleichzeitig zum Eintritt für die 30. Antiquaria in Ludwigsburg.
Der Messekatalog ist beim Verband Deutscher Antiquare e. V. für 10 Euro erhältlich, außerdem im Internet abrufbar (www.stuttgarter-antiquariatsmesse.de). Dort stehen auch Informationen und Fotos zum Download bereit.

→ Gemeinsame Auftaktveranstaltung der beiden Antiquariatsmessen ist der Vortrag von Irme Schaber »Nicht mehr lesen! Sehen! Ein Streifzug durch die Fotogeschichte vom Neuen Sehen bis in die Nachkriegszeit« am Dienstag, 19. Januar, 20 Uhr im Literaturhaus Stuttgart.

Die Ausstellung »Der Antiquar lässt sich fotografieren« ist während der Messe in ihren Räumen zu sehen: Gezeigt werden 60 Porträts von Antiquarinnen und Antiquaren, die der Stuttgarter Fotograf Joachim Siener vor dreißig Jahren aufgenommen hat – eine Momentaufnahme aus über einem halben Jahrhundert Messegeschichte.
Im Anschluss an den Messesamstag lädt der Verband Deutscher Antiquare e.V. zu Vernissage und großer Benefiz-Auktion, geleitet von Godebert M. Reiss, mit musikalischer Umrahmung und Buffet.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit 60 großformatigen Abbildungen und Textbeiträgen, der während der Messe für 10 Euro zu erwerben ist.

Für interessierte Besucher, besonders auch Jugendliche, werden Führungen angeboten, bei denen Aussteller bemerkenswerte Exponate und ihre schönsten Stücke vorstellen.




EIN RUNDGANG

Das Angebot der 55. Stuttgarter Antiquariatsmesse richtet sich an jeden Geschmack, jedes Sammelinteresse und jeden Geldbeutel.
Erstausgaben von Friedrich Hölderlin, Thomas Mann und Franz Kafka reihen sich neben reizvollen ABC-Büchern, dekorative japanische Farbholzschnitte neben Flugblättern aus dem Bauernkrieg, Reiseliteratur, Pflanzen- und Kochbücher, Landkarten und Stadtansichten neben Fotografien und Noten.
Das teuerste Objekt ist die Handschrift eines mittelhochdeutschen Ritterepos für € 2,4 Millionen Euro, aber auch unter € 1000 Euro finden sich zahlreiche Schätze aus verschiedenen Jahrhunderten.


Naturkundliche Themen stoßen derzeit auf großes Interesse, im Buchhandel ebenso wie schon seit einigen Jahren im Antiquariatshandel.

Der »Schutzpatron der Naturwissenschaftler«, der Bischof und große Gelehrte des 13. Jahrhunderts, Albertus Magnus, ist mit seinen Werken gleich an drei Ständen vertreten. Die erste Ausgabe einer Sammlung von 18 Abhandlungen – »Parva naturalia. Tabula tractatuum parvorum naturalium« –, in der erstmals seine Studie »De vegetabilis et plantis« enthalten ist, 1517 in Venedig gedruckt, bringt das Antiquariat »Aix-la-Chapelle« (€ 4850). Drei Jahre zuvor gab der Wiener Mathematiker und Astronom Georg Tannstetter (gen. Collimitius) Albertus Magnus’ »De natura locoru(m)« heraus, das bei Matthäus Truppe für € 18 000 zu erwerben ist.
Ein 1755 in Nürnberg erschienenes Buch enthält seine Gedanken rund um Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt: »Von den Geheimnissen der Weiber wie auch von den Tugenden der Kräuter Steine und Thiere und den Wunderwerken der Welt«. Die Stuttgarter Antiquarin Inge Utzt, die sich auf Bücher von, über und für Frauen spezialisiert hat, bietet es für € 650 an.
                  
Eine besondere Provenienz besitzen die fünfzehn äußerst dekorativen Bände des schwedischen Naturforschers Carl von Linné, die das Antiquariat Meinhard Knigge zur Messe mitbringt: Sie stammen aus der Bibliothek der Franziska von Hohenheim, Herzogin von Württemberg, mit ihrem Monogramm auf dem oberen Rückenschild. Es handelt sich um Linnés »Vollständiges Pflanzensystem nach Anleitung des holländischen Houttuynischen Werks übersetzt und mit einer ausführlichen Erklärung ausgefertiget«. Gedruckt wurden die Bände zwischen 1777 und 1788, sie kosten € 6 000.


Das Antiquariato Librario Bado e Mart aus Padua, das zum ersten Mal zur Stuttgarter Messe kommt, hat einige erlesene italienische Werke des 15. und 16. Jahrhunderts im Gepäck, darunter die seltene erste Ausgabe der »Discorsi« von Mattioli aus dem Jahr 1568 mit schönen zeitgenössisch kolorierten Illustrationen. Der Arzt und Humanist Pietro Andrea Mattioli machte sich auch als Übersetzer und Herausgeber seines griechischen Kollegen Dioscurides aus dem ersten Jahrhundert einen Namen. Angeboten wird hier der »Anarzarbeo della materia medicinale«, ein umfangreiches Werk über pflanzliche Heilmittel. (€ 45 000)

Weitere schöne Werke finden sich zum Beispiel am Stand von Engel & Co.: eine Naturgeschichte der Vögel mit prächtigen kolorierten Kupfertafeln (€ 14 000); beim Antiquariaat Forum eine Monographie über Orchideen (€ 12 500); beim Antiquariaat Junk eine seltene Darstellung von Schmetterlingen (€ 20 000); bei Franz Siegle eine »Inkunabel der Lithographie« aus den Jahren 1814 bis 1818: Franz von Paula von Schranks »Flora Monacensis« mit 300 Tafeln von Pflanzen aus der Umgebung von München und beim »Tresor am Römer« ein illustrierter Katalog von Sammlungsstücken aus berühmten deutschen Naturalienkabinetten aus dem 18. Jahrhundert. (€ 22 500)

Das Reisen hat inzwischen zwar nicht an Beliebtheit, doch viel an Faszination eingebüßt, was den alten Reise- und Entdeckungsberichten für Sammler einen besonderen Reiz verleiht. Von einer Orientreise im Jahr 1476 erzählt Hans Mergenthal, die ihn als Begleiter des Fürsten Albrecht, Herzog von Sachsen, von Dresden über München und Florenz nach Rom und weiter per Schiff von Venedig über Korfu, Kreta, Rhodos, Zypern bis nach Jerusalem führte. Erschienen ist das Werk 1586 in Leipzig und beim Antiquariat Dr. Paul Kainbacher für € 8500 zu erwerben.
Landkarten und Stadtpläne, Veduten und Ansichten von Landschaften ziehen an mehreren Ständen die Blicke auf sich, ein Werk wie die Schedelsche Weltchronik zumal. Die reich illustrierte Inkunabel wurde 1493 in Nürnberg gedruckt, wobei die vom Antiquariat Büchel-Baur angebotene lateinische Ausgabe vor der deutschen erschien. Dieses »Liber chronicarum« des Arztes und Humanisten Hartmann Schedel mit über 1800 Holzschnitten kostet € 23 000.
Die Weltgeschichte »von den aeltesten Zeiten bis auf die gegenwärtige in Strömen und Flüssen« darzustellen, und damit das Fließen der Zeit wörtlich ins Bild zu setzen, hat der norddeutsche Gelehrte Friedrich Strass unternommen. Die drei großformatigen farbigen Kupferstiche, 1830 in Augsburg gedruckt, bietet Daša Pahor für € 1400 an.

Die Frage, warum es am Rhein so schön ist, beantwortet das Bonner Antiquariat Hanno Schreyer mit einer sehr umfangreichen Sammlung von rund 160 kolorierten Ansichten des romantischen Mittelrheins, des UNESCO-Welterbes »Oberes Mittelrheintal« und einiger Städte, geschaffen von bekannten Künstlern des 19. Jahrhunderts. (€ 19 800)
Auf Landschaftsansichten und Bauwerke seiner Heimatstadt Dresden in aquarellierten Federzeichnungen spezialisierte sich der Künstler Friedrich August Kannegießer. Wegen ihres dokumentarischen Werts wurden sie später als Lichtdrucke herausgegeben. Ein Mappe mit 90 Lichtdrucken, Plänen und fünf Aquarellen, die Dresdens Festungswerke in den Jahren 1811 und  1821 bis 1825 zeigen, kosten bei C. G. Boerner € 8500.

                   
Zeugnis eines anderen Epochenwandels ist die umfangreiche und seltene Dokumentation zur Frühgeschichte des Eisenbahnbaus in Württemberg: Die Originaldokumente, 120 Konstruktionszeichnungen und 140 Blatt Schriftstücke, stammen aus den Jahren 1856 bis 1890 und der berühmten Maschinenfabrik Esslingen. Angeboten werden die beiden gehaltvollen Leinwand-Kassetten vom Antiquariat Gruber für € 14 000. Ein Fundstück für Eisenbahnfans bringt auch das Antiquariat »Fons Blavus« mit, eine seltene Veröffentlichung des Nationalökonomen Friedrich List, einem Pionier des deutschen Eisenbahnwesens. Es handelt sich um seinen mitreißenden »Aufruf an unsere Mitbürger in Sachsen die Anlage einer Eisenbahn zwischen Dresden und Leipzig betreffend« vom März 1834 als Vorbereitung für die Gründungsversammlung der Leipzig-Dresdener Eisenbahngesellschaft – über ein Jahr, bevor in Deutschland die erste Eisenbahnstrecke zwischen Nürnberg und Fürth eingeweiht wurde. (€ 5 800)

Fotografie, besonders die Geschichte der Fotografie, stößt auf großes Publikumsinteresse. Ein Fotoalbum mit frühen Ansichten des Kieler Hafens und die Sammlung Herbert Ginsberg, die aus rund 500 montierten Original-Fotografien besteht, bietet das Antiquariat Banzhaf (für € 2500 beziehungsweise € 8500) an. Letztere dokumentieren eine größtenteils verschollene Sammlung exquisiter Ostasiatica: Netsuke, Bronzen, Keramiken, Gemälde, Masken, Lackarbeiten etc. Ginsberg war Experte für Ostasiatica der Staatlichen Museen in Berlin und hat diese Sammlung vor allem in den Jahren 1907 bis 1908 ausgebaut. Sie wurde in den 20er Jahren in zahlreichen Städten gezeigt, landete – weil Ginsberg als Jude ins niederländische Exil gehen musste – 1938 in Den Haag und wurde bei der Invasion von Deutschen geplündert. Dieser seltene, vierbändige Katalog ist also in vielerlei Hinsicht und auch für Provenienz-Forscher ein außergewöhnlicher Fund.

Reizvoll keineswegs nur für Wagnerianer sind die beiden Originalfotos von Richard und Cosima Wagner, die 1877 im Londoner Studio Elliott & Frey aufgenommen wurden. Sie sind – und das ist eine Seltenheit – von Wagner signiert und werden vom Wiener Antiquariat Löcker für € 15 500 angeboten.

Dekorative Graphik ziert die Stuttgarter Antiquariatsmesse im Wortsinn, außerdem finden sich dabei hübsche Sachen für jeden Geschmack und in allen Preislagen.
Japanische Farbholzschnitte präsentieren »Le Cabinet Japonais« und Hans-Martin Schmitz, wo etwa die »Frau im Schnee« von Tsunetomi Kitano aus dem Jahr 1923 (€ 750) oder »Zwei Kakadus auf roter Stange« von 1930 (€ 1200) zu erwerben sind.
Die Galerie Valentien bietet eine Reihe von Arbeiten HAP Grieshabers und Aquatinta-Radierungen sowie farbige Lithographien von Joan Miró (im vier- und fünfstelligen Preissegment) an, bei Heckenhauer gibt es neben einer Lithographie von Erich Heckel auch zwei Original-Tuschzeichnungen auf einem Blatt, die einen stehenden Frauenakt im Atelier und ein schlafendes Mädchen zeigen (€ 22 800), bei der Galerie Vömel neben Blättern von Gerhard Marcks, Max Liebermann, Ida Kerkovius etc. auch eine Tuschzeichnung von Julius Bissier von 1959 (€ 5400).
Mehrere Mappen mit 275 Tafeln, die Reproduktionen verschiedenster Werke von Ferdinand Hodler zeigen, samt mehreren Beigaben, kosten beim Wiener Burgverlag € 1900.

Anfang 1916, also genau vor hundert Jahren, gilt als Geburtsstunde des Dada, der Kunstrichtung Dadaismus. Einer ihrer Begründer war Hans Arp, dessen Gedichtsammlung »Der Pyramidenrock« von 1924 das Antiquariat Schmidt & Günther als Erstausgabe anbietet. Sie enthält so berühmte Gedichte wie »Sankt Ziegensack springt aus dem Ei« und kostet € 2000. Beim Antiquariat Seidel & Richter kann man die Erstausgabe von Kurt Schwitters »Anna Blume. Dichtungen« aus dem Jahr 1919 für € 700 erwerben, bei Hans Lindner gibt es Raritäten gleich von beiden Dichtern: Arps Gedichtband »Die Wolkenpumpe« und von Schwitters die Sammlung »Merz 21. Erstes Veilchen-Heft«, in der neben Ursonaten eine Abhandlung über den Merzbau steht. (€ 2900 und € 5800). Das berühmte, äußerst seltene Plakat der ersten, von Tristan Tzara organisierten Dada-Ausstellung in Zürich im Januar 1917, ein Linolschnitt von Marcel Janco, ist bei Günter Linke für € 60 000 zu haben.

Die Schöne Literatur hatte und hat immer ihren Platz auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse, gerade beim Stuttgarter Antiquar Herbert Blank, der schöne und wertvolle Erstausgaben aus dem 18. bis 20. Jahrhundert zeigt. In diesem Jahr bringt Blank u.a. die sehr seltene Erstausgabe von Goethes 1774 in Leipzig gedrucktem, sofort aufsehenerregendem und international erfolgreichem Briefroman »Die Leiden des jungen Werthers« (€ 28 000) mit. Und noch ein zweites Rarissimum gibt es bei Blank: die Erstausgabe der ersten Veröffentlichung von Heinrich von Kleist, »Die Familie Schroffenstein. Ein Trauerspiel«, 1803 erschienen. (€ 16 000)
Vier Widmungsexemplare von Arno Schmidt, darunter sein bei Rowohlt 1949 erschienener Erstling »Leviathan« bietet Eckard Düwal an, den man nach mehrjähriger Abwesenheit nun wieder in Stuttgart begrüßen kann. Die Schmidtschen Erstausgaben sind mit persönlichen Widmungen an seine Schwägerin und seine Schwiegermutter versehen, vollständig und wohlerhalten. (€ 6000)

Bücher und Dichterhandschriften aus dem 20. Jahrhundert finden sich auch an den Ständen von  Eckert & Kaun (Franz Kafkas »Der Heizer« für € 6500), von Müller & Gräff (Else Lasker-Schülers »Der Malik«  im Exemplar 1 der Vorzugsausgabe für € 3000) und Eberhard Köstler (Stefan Georges frühe »Pilgerfahrten« für € 2500). Das Antiquariaat »Die Schmiede« bringt aus Amsterdam ein lange verschollenes, dreistrophiges Gedicht des 20-jährigen Bert Brecht mit, »An die Tänzerin Leistikow!« (€ 9500), und J. A. Stargardt ein eigenhändiges, dreiseitiges Manuskript von Robert Walser vom Winter 1921/22, für das € 28 000 erwartet werden. Ein passionierter Sammler expressionistischer Dichtung könnte für € 64 000 für ein bisher unbekanntes Gedicht von Georg Trakl, mit Bleistift notiert und »Hölderlin« betitelt beim Antiquariat Löcker aus Wien erwerben.

Eines der attraktivsten Sammelgebiete sind sicherlich die Kinder- und Bilderbücher, auf die sich die Antiquariate von Winfried Geisenheyner aus Münster und Sabine Keune aus Aachen spezialisiert haben, und eine Besonderheit dabei die ABC-Bücher, die natürlich den Erwachsenen heute ein größeres Vergnügen bereiten als den Leseanfängern, für die sie einst verfasst worden sind.
Eine sehr seltene erste Ausgabe von Heinrich Oswalts Struwwelpetriade »Der kleine A-B-C Schütz« mit 50 kolorierten Illustrationen, erschienen 1874 in Frankfurt am Main, bietet Geisenheyner für € 1200 an.
Als der später berühmte Künstler Balthusz noch der Junge Balthazar war und der Dichter Rainer Maria Rilke sein Mentor (und Freund der Mutter), entstand die Bildergeschichte der Findelkatze »Mitsou«, erzählt in 40 Lithographien von Balthusz, wie ihn Rilke nannte, der dazu ein einfühlsames Vorwort schrieb – zu finden bei Sabine Keune für € 1600.
Eine Kuriosität ist das Aufstellbilderbuch »Wir fahren auf die Messe«, das allerdings eine Zirkus- und Zauberwelt mit Tieren und Artisten darstellt: beim Antiquariat Turszynski für € 2400.

Einbände aus mehreren Jahrhunderten

Welcher Aufwand einst für die schöne, aufsehenerregende Verpackung von Texten betrieben wurde, kann man sich heute manchmal kaum vorstellen – allerdings gibt es seit einiger Zeit wieder ein Bewusstsein für besondere Einbände.
Ein Meister der Einbandkunst war der Buchbinder und Buchkünstler Gotthilf Kurz, von dem die Württembergische Landesbibliothek über 500 Handeinbände besitzt. Zwei schöne Beispiele bringt Haufe & Lutz mit auf die Messe, eine illustrierte Ausgabe von Colettes »La treille muscate«, 1961, und eine Virgil-Übersetzung von Paul Valéry, 1953 (€ 2400 und € 2800)
Bewundern kann man am Stand von Wolfgang Braecklein die erste öffentliche Sammelausgabe der Oden von Friedrich Gottlieb Klopstock in einem dunkelroten Maroquinband mit Rücken- und Deckelvergoldung (€ 2200) und das prächtige Beispiel eines spätbarocken Silbereinbands, entstanden um 1720 in Südwestdeutschland (€ 4500).
Oft waren es die bedeutenden Inhalte, die wichtigen Bücher, die mit wertvollen Einbänden versehen wurden, allen voran die Bibel. »Die gantze Heilige Schrifft Altes und Neues Testaments. Verdeutscht von Martin Luther«, hier in einem besonders dekorativen Exemplar, das Geschenk des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. an einen Stettiner Bischof, 1768 in Nürnberg hergestellt, bei Hellmut Schumann für € 35 000.
Ein Geschenk des Verfassers an seine zweite Frau Barbara war der Band – »Sehr herrliche Schoene und warhaffte Gedicht« – von Hans Sachs mit einer eigenhändigen, vierzeiligen Widmung, gebunden in blindgeprägtes, mit Metall beschlagenem Schweinsleder. Diese Rarität ehemals im Besitz der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen bietet »Tusculum Rare Books« für € 38 000 an.

Preziosen des 15. bis 17. Jahrhunderts

Eines von nur drei in Stuttgart im 15. Jahrhundert gedruckten Werken, wohl von einem Buchdrucker namens Hans Scheffer (oder Johannes Scheffler), präsentiert Müller & Gräff mit den »Opera« des Caecilius Cyprianus, Bischof von Karthago und Kirchenschriftsteller im 3. Jahrhundert. (€ 12 000)

Aus dem Erfurter Karthäuserkloster St. Salvatorberg stammt das Manuskript eines lateinischen Kompendiums, das Antiphone für das Kirchenjahr, Heiligengeschichten und Texte für ein gutes Sterben enthält. Das niederländische Antiquariat Konstantinopel aus Enschede beteiligt sich erstmals an der Stuttgarter Messe und bietet diese um 1498 entstandene Handschrift für € 20 000 an.
Sechs kolorierte Kupferstiche aus einer Passionsserie, die dem in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts am Niederrhein tätigen »Meister des Dutuitschen Ölbergs« zugeschrieben werden, gibt es bei C. G. Boerner zu bestaunen und für € 25 000 zu erwerben.

Die erste und berühmteste der drei reformatorischen Schriften Martin Luthers, »An den christlichen Adel teütscher Nation: von des Christelichen stands besserung«, gedruckt im Juni 1520 als erster im Jahr der Erstausgabe erschienener Nachdruck findet sich beim »Tresor am Römer« für € 11 000.
Eine außergewöhnliche Sammlung von 23 Flugschriften aus den Jahren 1524/25 zum Deutschen Bauernkrieg hat Thomas Hatry für € 68 000 im Angebot. Das Konvolut enthält außer den »Bauernartikeln« auch die vier berühmten Stellungnahmen von Martin Luther, die scharfe Entgegnung Philipp Melanchthons und zwei seltene Texte von Thomas Münzer.

In denselben Jahren 1524/25 edierte Otto Brunfels eine Sammlung kleinerer Schriften von Jan Hus in drei Teilen und veröffentlichte ergänzend ein Manuskript aus dem Nachlass Ulrich von Huttens über die Leidensgeschichte von Hus bis zu seiner Verurteilung beim Konstanzer Konzil. Diese einzige Ausgabe des Berichts über seinen Prozess kostet beim »Stuttgarter Antiquariat« € 6 000.

Ein Meisterwerk der deutschen Mystik, das »Büchlein der ewigen Weisheit und Die hundert Betrachtungen« von Heinrich Seuse (Suso), niedergeschrieben um 1330, ist in rund 160 Abschriften erhalten. Hatry hat ein Manuskript aus Süddeutschland, das um 1470 noch vor einer gedruckten Ausgabe entstand, für € 32 000 im Angebot.

Wolfgang Braecklein bietet eine frühe, dritte Ausgabe des bedeutendsten deutschen Romans aus dem 17. Jahrhundert, Grimmelshausens »Neueingerichteter und vielverbesserter Abentheuerlicher Simplicissimus«. Diese Bearbeitung noch im Erscheinungsjahr der ersten Ausgabe 1669 wurde zur Grundlage für alle späteren Ausgaben, das für € 45 000 zu erwerbende Exemplar war bis heute unbekannt.

Spitzentitel und andere Spezialitäten

Das teuerste Werk bringt wieder einmal Heribert Tenschert vom »Antiquariat Bibermühle« mit, ein Ritterepos für € 2 400 000: Wirnt von Grafenberg, »Wigalois mit dem Rade«. Es handelt sich um eine der letzten Handschriften eines mittelhochdeutschen Ritterepos in Versen in Privathand und eine von insgesamt nur zwei illustrierten Handschriften (und bei weitem die vollständigere) dieses literarisch bedeutenden Textes: Der »Wigalois« des Wirnt von Grafenberg aus der Sammlung Fürstenberg aus Donaueschingen. Illuminierte Handschrift auf Papier mit 31 großen oder ganzseitigen Miniaturen aus dem Atelier von 1418 und von Diebold Lauber.

Dass der Komponist und Künstler John Cage sich auch intensiv dem Sammeln, Bestimmen und Zubereiten von Pilzen widmete, ist nicht jedem geläufig. Emanuel von Baeyer aus London, zum ersten Mal in Stuttgart dabei, bringt das »Mushroom Book« von John Cage und Lois Long mit, das mit 20 Lithographien 1972 in einer Auflage von 75 Exemplaren in New York gedruckt wurde. (€ 15 000)

Das illustrierte Hauptwerk des russischen Konstruktivismus und Suprematismus bietet Hans Linder für € 29 000 an, die »Suprematische Erzählung von 2 Quadraten in 6 Konstruktionen« von El Lissitzky, in Berlin 1922 in Russisch verlegt.

Die sehr seltene und reizvolle Variante eines klappbaren Guckkastens aus Holz in Buchform, produziert im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, mitsamt 16 kolorierten Guckkastenblätter verschiedener Verlage präsentiert das Antiquariat F. Neidhardt für € 23 500.










RUND UM DIE ANTIQUARIATSMESSE / VERANSTALTUNGSKALENDER

 

AUFTAKT – »Nicht mehr lesen! Sehen!«

Irme Schaber unternimmt einen Streifzug durch die Fotogeschichte vom Neuen Sehen bis in die Nachkriegszeit

Der Vormarsch des Visuellen begann in den 1920er Jahren, als die Fotografie zum Massenmedium wurde: illustrierte Zeitschriften erreichten Millionenauflagen, Fotobücher wurden zu einem neuen Ausdrucksmittel. Die fotografische Avantgarde orientierte sich nicht mehr an der Malerei, sondern am Film, reflektierte das Tempo der Zeit mit optischen Verfremdungen sowie einer neuartigen Material- und Sachfotografie. 1929 zeigte die Stuttgarter Werkbundausstellung »Film und Fotografie« in einer epochemachenden Übersichtsschau internationale Positionen und Anwendungsgebiete der neuen Fotoästhetik. Nach 1945 knüpfte eine junge Generation auf der Suche nach möglichst ideologiefreien Räumen daran an – um sich, wie etwa die »Subjektive Fotografie« und andere Strömungen, bald schon in neue Zeit-Bild-Experimente zu stürzen.

Irme Schaber arbeitet als Autorin und Dozentin zu Fotografie, Exil und Kulturgeschichte. Sie hat 2013 die große Biografie über die Fotoreporterin Gerda Taro veröffentlicht.

→ Gemeinsame Auftaktveranstaltung der Stuttgarter Antiquariatsmesse und der Antiquaria Ludwigsburg am Dienstag, 19. Januar 2016, 20 Uhr, Literaturhaus Stuttgart

AUSSTELLUNG – Der Antiquar lässt sich fotografieren

Porträtfotografien von Joachim Siener

1985 fand auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse etwas bis dahin Unerhörtes statt: Ein professionelles Fotostudio wurde aufgebaut. Dort machte der Fotograf Joachim Siener in Langzeit-Belichtungstechnik großformatige künstlerische Porträtaufnahmen von den Ausstellern auf der Messe. Dreißig Jahre lang lag dieser Schatz im Archiv, nun wurde er erstmals wieder gehoben und kann im Rahmen einer Ausstellung der Originale während der Messe gezeigt werden. Eine Momentaufnahme aus 55 Jahren Messegeschichte. Ein Blick zurück in die Geschichte des Antiquariatsbuchhandels und zugleich eine fotografische Begegnung mit früheren Antiquaren und heutigen Ausstellern in Stuttgart, die damals noch am Beginn ihrer Karriere standen.

→ Freitag bis Sonntag, 29. bis 31. Januar 2016, in den Räumen der Messe

Zur Ausstellung erscheint ein bibliophil gestalteter Katalog mit ca. 60 großformatigen Abbildungen und interessanten Beiträgen in einer Auflage von 500 Exemplaren: Der Antiquar lässt sich fotografieren. Porträts von Joachim Siener. Herausgegeben von Eberhard Köstler und Frieder Weitbrecht. Mit Beiträgen von Björn Biester, Wulf D. von Lucius u. a. Verband Deutscher Antiquare e.V., Stuttgart 2016. 148 Seiten. Englische Broschur. (€ 20; während der Messe € 10).

VERNISSAGE UND BENEFIZ-AUKTION – Der Antiquar lässt sich fotografieren

Porträtfotografien von Joachim Siener

Im Anschluss an die Messe lädt der Verband Deutscher Antiquare am Samstag zur Vernissage in den Württembergischen Kunstverein. Mit großer Benefiz-Auktion geleitet von Godebert M. Reiss, musikalischer Umrahmung und Buffet. Eintritt frei.

→ Samstag, 30. Januar 2016, 18.30 Uhr, Württembergischer Kunstverein

Kultur.JUGEND – Wir kümmern uns um den Nachwuchs

Junge Leute und altes Buch. Das passt doch gar nicht zusammen! Wir sehen das anders und bieten Studentinnen und Studenten der Stuttgarter “Hochschule der Medien” eine Führung ausschließlich für sie. Einige Kollegen stellen ihnen besondere Bücher aus ihrer Messeauswahl vor. Weitere Schüler- oder Studentengruppen sind nach Absprache herzlich willkommen.

→ Treffpunkt Samstag, 30. Januar 2016, 16 Uhr, Informationsstand des Verbands Deutscher Antiquare e.V.

Kultur.LIVE – Führungen über die Antiquariatsmesse

Führungen über die Messe für interessierte Besucher. Die Aussteller zeigen ihre bemerkenswertesten Exponate und schönsten Stücke, bei denen mancher Büchersammler sagen wird: DAS muss ich haben!

→ Treffpunkt Samstag und Sonntag, 30. + 31. Januar 2016, 15 Uhr, Informationsstand des Verbands Deutscher Antiquare e.V.













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Zitate der Woche

„Von allen Welten, die der Mensch erschaffen hat, ist die der Bücher die Gewaltigste.“

Heinrich Heine

„Lieber barfuß als ohne Buch.“

Isländisches Sprichwort

 

56. Stuttgarter Antiquariatsmesse

27. bis 29. Januar 2017

Württembergischer Kunstverein 

(Schlossplatz 2)

Freitag: 11 – 19.30 Uhr

Samstag und Sonntag: 11 – 18 Uhr