Eine Erfolgsgeschichte: Die Stuttgarter Antiquariatsmesse 1962–2016

„Antiquare und Graphikhändler gelten im Allgemeinen als Individualisten und sind nicht leicht zu bewegen, sich an Gemeinschaftsunternehmungen zu beteiligen. Diese Verkaufsmesse, die von einer Reihe von Mitgliedern des Verbands durchgeführt wird, stellt einen ersten Versuch dar, das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit durch eine gemeinsame Ausstellung zu gewinnen.“
Am Anfang stand diese eher verhaltene Prognose. Doch entgegen der Erwartung, die der damalige Vorstandsvorsitzende Günther Mecklenburg im Vorwort zum ersten Messekatalog formulierte, erwiesen sich die Antiquare als beständig und vor allem als teamfähig. Bereits fünf Jahre später konnte Dr. Frieder Kocher-Benzing resümieren: „Jene Skepsis gehörte durch den Erfolg schon der ersten Messe rasch der Vergangenheit an.“
Heute ist die Stuttgarter Antiquariatsmesse die älteste Antiquariatsmesse Deutschlands und neben der London International Antiquarian Book Fair die zweitälteste in Europa. 2011 feierte sie ihr 50. Jubiläum.

1958 veranstaltete die Antiquarian Booksellers’ Association (ABA) die erste Londoner Messe. Damals noch in den Räumen der National Book League dauerte sie vierzehn lange Tage vom 6. bis 21. Juni. 1960 folgte das Mid-Atlantic Chapter der ABAA (Antiquarian Booksellers‘ Association of America) mit der ersten Antiquariatsmesse in New York. Diese Erfolge brachten die Stuttgarter Antiquare Fritz Eggert, Fritz Neidhardt und Dr. Frieder Kocher-Benzing auf die Idee, eine deutsche Messe zu etablieren. Die Bedingungen dafür schienen ideal: Stuttgart war und ist ein kultureller und wirtschaftlicher Anziehungspunkt, eine Buch- und Verlagsstadt mit langer, beeindruckender Tradition und einer lebhaften Kulturszene. Der Vorstand des Verbands um Günther Mecklenburg, Dr. Frieder Kocher-Benzing, Dr. Ernst L. Hauswedell, Helmuth Domizlaff und Dr. h.c. Eduard Trauscholdt unterstützte das Projekt.

„Kommt her Ihr Leute! sucht Euch aus! es ist mancherley da!!“

Vom 8. bis 11. Februar 1962 war es so weit: Die erste „Verkaufs-Messe des Verbandes Deutscher Antiquare, Autographen- und Graphikhändler“ konnte im Gustav-Siegle-Haus stattfinden.
„Der eigentliche Sinn [der Messe] soll die persönliche Begegnung mit Bücherfreunden und Sammlern, mit den Leitern der Bibliotheken, Museen und Archive und mit den Kollegen des In- und Auslandes sein“, hieß es 1962. So kam es. Die Stuttgarter Antiquariatsmesse ist ein internationaler Treffpunkt, und auch wer ohne Einkäufe die Messe verlässt, empfindet den Besuch als Gewinn. Man spricht miteinander, registriert, was auf dem Markt ist, und genießt die Gelegenheit, so viele wertvolle Bücher und Graphiken ohne „Berührungsängste“ bewundern zu dürfen.

Das Gesicht der Stuttgarter Antiquariatsmesse hat sich im Lauf der Zeit natürlich verändert. Bei der Premiere 1962 waren 21 Aussteller dabei, darunter L’Art Ancien (Zürich), Helmuth Domizlaff (München), Wolfgang Ketterer (Stuttgart), Haus der Bücher AG (Basel), Louis Loeb-Larocque (Paris), die Kurbuchhandlung Bernhard Krohn (Badenweiler), H. O. Hauenstein (München) oder das Kunstkabinett Elfriede Wirnitzer (Baden-Baden). 1973 war die Ausstellerzahl schon auf 53 angewachsen und das Gustav-Siegle-Haus damit zu klein geworden. Man zog in das stilvolle Ambiente des Württembergischen Kunstvereins am Schlossplatz und begrüßte dort neben vielen anderen auch das von Walter Alicke geführte Antiquariat Interlibrum (Vaduz) und Ludwig Rosenthal’s Antiquariaat (Hilversum). Zunächst wurden im Messekatalog die Preise nicht genannt. Es sollte kein reiner „Verkaufskatalog“ sein, sondern ein Anreiz, nach Stuttgart zu reisen. Wie heiß umkämpft die Bücher, Autographen und Graphiken waren, zeigen die Randbemerkungen mancher Besucher und Kollegen in ihren Handexemplaren, hier ein Reisespezialist 1965: „Kohlhauer: Humboldt! Wieviel können wir zahlen?“
Legendär war viele Jahrzehnte der Run auf die Bücher bei Öffnung der Messe, wenn zuweilen Vitrinen, Regale, Treppenstufen und Sammlerkollegen um Haaresbreite  n i c h t  touchiert wurden. Erst 1973 setzte man Preise zu den Titelaufnahmen.
Ein Jahr später entschuldigte sich der damalige Vorstandsvorsitzende Valentin Koerner im Messekatalog 1974 dafür, „nun leider – nach zwölf Jahren – erstmalig“ Eintrittsgeld erheben zu müssen.
Das Rennen auf die Messeobjekte blieb bis 2008 bestehen. Seither gilt auch in Stuttgart das Losverfahren, wenn es mehrere Interessenten für einen Titel aus dem Messekatalog gibt.
Von 1962 bis 1966 zierte „Helmert. Der deutsche Diogenes“ den Einband, in den Folgejahren wechselten sich Karikaturen und Miniaturen auf dem Katalogumschlag ab, bis sich der Messeausschuss 1970 für den „lesenden Tieck“ nach einem Scherenschnitt von Luise Duttenhofer entschied. Die Messeleitung hatte damals Jürgen Voerster inne, die Katalogredaktion übernahm für lange Jahre Carl-Ernst Kohlhauer.
Von 1998 bis 2010 wurde der Stuttgarter Messekatalog äußerlich elegant gestaltet, mit einem an Nadelstreifen erinnernden schwarz-blau stilisierten Buchschnitt. Zum 50. Jubiläum 2011 entschied man, den traditionellen „lesenden Tieck“ wieder aufzunehmen, aber in ein modernes, farbiges, typographisches Gewand zu kleiden.

55 Jahre Stuttgarter Antiquariatsmesse

Bei allen Veränderungen ist das Grundkonzept erhalten geblieben: Die Messe ist ein Marktplatz für den internationalen Handel, ein Mekka für Bibliophile und ein großes Ereignis in der Region, ein Ort der Begegnung für alle Buch- und Kunstinteressierten. Das Konzept ging – und geht – auf. 1962 nahmen 21 Antiquare, Autographen- und Graphikhändler an der ersten Messe teil. 2012 waren 80 Aussteller aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, den USA, Italien, Ungarn und Großbritannien im Württembergischen Kunstverein vertreten, inzwischen hat sich die Teilnehmerzahl bei 70 bis 80 eingependelt.
Fünf Antiquariate sind der Messe von Beginn an treu geblieben: C. G. Boerner (Düsseldorf), Fritz Neidhardt (damals Stuttgart, heute Böblingen), August Laube (Zürich), Hellmut Schumann (vormals Schumann & Heinimann, Zürich) und J. A. Stargardt (damals Marburg, heute Berlin) waren schon 1962 im Gustav-Siegle-Haus vertreten.
1964 reiste sogar ein Kollege aus Tecklenburg im Teutoburger Wald an: H. D. v. Diepenbroick-Grüter zeigte »Porträts aller Nationen und Professionen, einfache und kostbare Blätter«.
Einen wesentlich weiteren Weg hatte im selben Jahr der argentinische Antiquar Dr. J. Pablo Keins (Buenos Aires). Die Firma Keip ließ sich bei der Messepremiere durch Georg Sauer und das Antiquariat Sauer & Keip vertreten; später reiste für Keip das Hamburger Antiquariat mit Harald Wiermann an. 1964 debütierten die Galerie Valentien und das Antiquariat Müller & Gräff aus Stuttgart. 1965 kam Hanno Schreyer aus Bonn zum ersten Mal nach Stuttgart; sein Sohn setzt die Tradition fort. Seit 1966 gehört die Karl Pfankuch AG (später Klittich-Pfankuch) aus Braunschweig zu den Teilnehmern. Nach dem Zusammenschluss von Vereinigung und Verband 1968 fanden auch das Brockhaus/Antiquarium (Stuttgart, später Kornwestheim) und das Münchner Antiquariat Robert Wölfle den Weg nach Stuttgart.
Weitere Händler kamen und gingen: Goldschmidt & Co (London), Gunnar Kaldewey (Hamburg), Dr. Hans Schneider (Tutzing), Martin Breslauer (London), Günter Leisten (Köln), Jean Rousseau Girard (Paris), Thulin’s Antiquariat (Österbymo), Hans Marcus (Düsseldorf), das Commerz Cabinett (Hamburg), Siegfried Brumme (Mainz und Frankfurt), Dr. Ernst L. Hauswedell (Hamburg), Hans-Horst Koch (Berlin), Maggs Bros. (London), Bernard Quaritch (London) sowie die Kolleginnen und Kollegen aus Kopenhagen von Branners Bibliofile Antikvariat und Rosenkilde  & Bagger.
Heribert Tenschert ist mit seinem Antiquariat Bibermühle ebenso unter den jährlichen Stuttgarter Ausstellern wie Herbert Blank, Reiss & Sohn, Tresor am Römer, Die Schmiede und zahlreiche ILAB Kollegen aus Europa und Übersee. Das alles spricht für eine bemerkenswerte Kontinuität. Neben die Tradition ist die Innovation, neben die Aussteller des Anfangs sind eine Reihe von Kollegen getreten, die in Stuttgart reüssiert und mit den Jahren die Messe bereichert haben. Auch wenn die Messelandschaft seit den 1990er Jahren vielfältiger geworden ist: In Stuttgart ist es gelungen, sich eine gewisse Unverwechselbarkeit zu erhalten.
Und die Anziehungskraft für die jüngsten unter den Verbands- und ILAB-Mitgliedern lässt nicht nach. Genannt seien hier stellvertretend Aurelio Fichter (Frankfurt), Daniela Kromp sowie Daša Pahor (beide München).

Alljährlicher Auftakt

Unter dem Motto „Jäger und Sammler“ laden die Stuttgarter Antiquariatsmesse und die Antiquaria in Ludwigsburg seit 2002 gemeinsam zu einer Auftaktveranstaltung ins Literaturhaus Stuttgart ein.
Zur Premiere gab es eine Podiumsdiskussion mit den Sammlern Vincent Klink und Otto Jägersberg (von Beruf Sternekoch und Schriftsteller), den Antiquaren Petra Bewer und Herbert Blank zum Thema „Büchersammeln – über das zweite Leben der Bücher“. In den Jahren darauf folgten Vorträge von Reinhard Wittmann über die „Lesesucht im 18. Jahrhundert“, von Ulrich Raulff über us-amerikanische Sammlungen beziehungsweise das Ende des Pferdezeitalters, von Friedrich Pfäfflin über die Verlagsgeschichte von Levy & Müller sowie von Irme Schaber über die Fotogeschichte seit den 1920er Jahren. Es fanden Gespräche statt über das Aussehen der Bücher mit Kurt Weidemann – „Wort und Wirkung“ –, mit Annette Kulenkampff und Akka von Lucius über das Buch als Kunstwerk, mit dem Kunstbuchverleger Gerd Hatje, mit Hans Zischler oder Annette Pehnt und Anna Katharina Hahn über „Gescheiterte Titel“. An einem der Abende wurde von seinen Freunden an den früh verstorbenen Antiquar Horst Brandstätter erinnert; Dirk Heißerer und Eberhard Köstler gewährten Einblicke in die Edition der Briefe von Katia Mann; Klaus Wagenbach, Michael Klett und Peter Nils Dorén diskutierten über Schutzumschläge.
Zum 50. Stuttgarter und 25. Ludwigsburger Jubiläum fragten Denis Scheck und Rainer Moritz: „Wie viele Bücher braucht der Mensch?“ Viele, natürlich!

Rückblick auf die Ausstellungen 2007–2016

Seit 2007 sind die Ausstellungen im Rahmen und in den Räumen der Stuttgarter Antiquariatsmesse eine viel beachtete Veranstaltung, zu der jeweils ein bibliophil gestalteter Katalog erschienen ist. Und die Vernissage am Messesamstag gilt unter den Freunden der Messe jedes Jahr als ein besonderes Ereignis.
2006 wäre Fritz Eggert 80 Jahre alt geworden. Anlass genug für Friedrich Pfäfflin, Frieder Weitbrecht und die Württembergische Landesbibliothek, in einer Ausstellung die bemerkenswerte Karriere des in jeder Hinsicht großen Antiquars zu würdigen. Eggert begann mit einer „Versandbuchhandlung mit Antiquariat und Espressoausschank“, verkaufte Shakespeares „First Folio“ und war, so nebenbei, einer der Väter der Stuttgarter Antiquariatsmesse. Der Verband Deutscher Antiquare ergriff die Möglichkeit, die Ausstellung während der Stuttgarter Antiquariatsmesse 2007 ein weiteres Mal zu zeigen und dazu einen von Friedrich Pfäfflin in Gemeinschaft mit Susanne Koppel und Frieder Weitbrecht gestalteten Katalog herauszugeben: „»… vom Finderglück … « – Der Antiquar Fritz Eggert 1926–1981“.
Die Eröffnung mit Eberhard Jäckel, Frieder Weitbrecht und vor allem Susanne Koppel, die aus ihrer Zeit als Mitarbeiterin von Fritz Eggert erzählte, war ein voller Erfolg.Das rief nach einer Fortsetzung. 2008 gestaltete Friedrich Pfäfflin aus der Sammlung Reinhard Wittmann eine Ausstellung samt Katalog unter dem Titel „Von Schätzen & Scharteken – Antiquariatskataloge im 19. Jahrhundert“.
Zur Vernissage hielt Reinhard Wittmann einen lehrreich-amüsanten Vortrag über die Geschichte des Antiquariatsbuchhandels, wobei Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten zwischen den Antiquaren des 19. und des 21. Jahrhunderts nicht ausgeschlossen waren. Eberhard Köstler und Lorenzo Petrocca setzten zum ersten (aber nicht letzten) Mal den musikalischen „i-Tupfen“ auf den gelungenen Abend.
Seitdem gehören Ausstellung und Katalog zum festen Bestandteil des Stuttgarter Messeprogramms; und die Schriften zur Geschichte der Bibliophilie und des Antiquariatsbuchhandels nahmen damit ihren Anfang.
2009 zeigte das George-Archiv der Württembergischen Landesbibliothek unter der Regie von Ute Oelmann Manuskripte, Zeichnungen und Erstausgaben von Stefan George, Melchior Lechter und anderen zeitgenössischen Buchkünstlern. Ausstellung und Katalog „»Das doch nicht äusserliche« – Die Schrift- und Buchkunst Stefan Georges“ waren nach dessen typographischem Vorbild konzipiert.
Ein besonderes Ereignis war 2010 das Erscheinen von Friedrich Pfäfflins Bibliographie und Geschichte „Levy & Müller. Verlag der >Herold-Bücher< Stuttgart 1871 . 1895 . 1933 . 1936 . 1949 . 1951“. In jahrelanger Arbeit hatte Friedrich Pfäfflin die Geschichte dieses jüdischen Verlages recherchiert, seine Publikationen bibliographiert und auf diese Weise eine ebenso beeindruckende wie bedrückende Episode der Verlagsgeschichte ans Licht gebracht.
Zum 50. Messejubiläum 2011 wurde die Reihe mit einer der wohl wichtigsten Studien zur Geschichte des Antiquariatsbuchhandels fortgesetzt: Der Verband Deutscher Antiquare hat Ernst Fischers biographisches Handbuch „Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933“ herausgegeben. Konnte es einen besseren Ort als die Stuttgarter Antiquariatsmesse geben, diese immense wissenschaftliche Leistung der Öffentlichkeit mit Vorträgen von Klaus G. Saur und Ernst Fischer vorzustellen?
Weitere Ausstellungen und Publikationen basierten auf interessanten Sammlungen wie die von Klaus Berge zu Eduard Mörike („Dem heitern Himmel ew'ger Kunst entstiegen …“) und der Barbara Achilles-Stiftung, die die Pressen der Brüder Kleukens präsentierte. 2013 wurde dem interessierten Publikum von Helmuth Mojem „Cotta – Der Verleger der Horen“ aus dem Bestand des Cotta-Archivs im Deutschen Literaturarchiv Marbach vorgestellt.

 

2016 konnten in einer außergewöhnlichen Kabinett-Ausstellung 48 großformatige Porträts gezeigt werden, die der Stuttgarter Fotograf Joachim Siener während der 24. Antiquariatsmesse im Januar 1985 aufgenommen hatte. Sie stieß auf großes Interesse und erfuhr viel Zustimmung; die besondere Anmutung, die das menschliche Antlitz durch eine Langzeitbelichtung erfährt, eine ruhige, doch neugierige Gelassenheit und Lebendigkeit, teilte sich den Betrachtern unmittelbar mit.
Bei der Vernissage am Samstagabend erläuterten Siener und Frieder Weitbrecht, schon damals Spiritus Rector des Projekts und nun mit Eberhard Köstler für die Realisierung der Ausstellung und des Katalogs verantwortlich, wie es überhaupt dazu kam – mit unverhohlener Freude darüber, dass sich der Katalog so gut verkaufte. Lesenswerte Beiträge sind Björn Biesters „Notizen zur Stuttgarter Antiquariatsmesse. 1962 bis 2016“ und der Rückblick von Wulf D. von Lucius auf „5 Jahrzehnte Sammlerglück auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse“

Lediglich der Eggert-Katalog ist vergriffen, von den anderen sind noch einige Exemplare vorrätig und hier zu bestellen. → www.antiquare.de

 

Wenn Sie mehr zur Geschichte des Verbands Deutscher Antiquare wissen möchten, klicken Sie hier → www.antiquare.de





 

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