Messekatalog

Bibermühle – Heribert Tenschert (Stand 17 )
Bibermühle 1 · 8262 Ramsen, Schweiz
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Illuminierte Manuskripte · Schöne und seltene Bücher des 15. bis 20. Jahrhunderts

 


Stundenbuch. Horae B. M. V. für den Gebrauch von Paris. Lateinische und französische Handschrift auf Pergament, Rubriken in Hellrot und Purpur, mit einem Kalender in Schwarz und Rot, geschrieben in schwarzer Textura.
Paris, um 1405–07: Ein Stundenbuch vom jungen Mazarine-Meister, mit einer Miniatur von einem unbekannten Meister, vielleicht vom Mittelrhein.
12 Bildseiten mit fast quadratischen Miniaturen von Doppelstäben gerahmt, über vier Zeilen Text mit dreizeiligen Dornblatt-Initialen in dreiseitigen Zierleisten, die ein Bas-de-page unter dem Text aussparen und meist als Doppelstab gebildet sind, nur zur Marien-Matutin mit Flächendekor, daraus sprießend Vollbordüren und Ranken im Bas-de-page aus feinen Tintenspiralen, die in goldenem Dornblatt enden. Eine dreizeilige Initiale gleicher Art mit dreiseitigem Doppelstab und vierseitiger Dornblattbordüre sowie eine dreizeilige Initiale im Flächendekor mit sprießenden Tintenspiralen und goldenem Dornblatt. Zweizeilige Initialen zu den Psalmenanfängen in Gold auf purpurnen und blauen Flächen mit weißem Liniendekor; einzeilige Initialen zu den an Zeilenbeginn einsetzenden Psalmenversen in gleicher Art, ebenso die Zeilenfüller. Versalien nicht behandelt.
158 Blatt Pergament, dazu jeweils ein fliegendes Vorsatz aus Papier zu Beginn und am Ende des Bandes. Gebunden vorwiegend in Lagen zu acht Blatt, davon abweichend die Kalenderlage 1 (12) sowie Lage 10 (8–2) am Ende des Marienoffiziums ohne Textverlust, die um jeweils ein Textblatt ergänzten Lagen 13 (8+1) und 14 (8+1), die um das erste Blatt mit dem Beginn des Totenoffiziums beraubte Lage 15 (8–1), sowie die um das letzte, leere Blatt gebrachte Endlage 20 (4–1). Moderne Bleistiftfoliierung rechts oben.
Oktav (165 x 127 mm; Textspiegel: 110 x 63 mm). Rot regliert zu 15, im Kalender zu 16 Zeilen; keine Reklamanten.
Bis auf den Verlust des Incipits zur Vesper des Totenoffiziums vollständig erhalten. Unten vom Buchbinder so getrimmt, das die ursprünglichen Proportionen leicht alteriert sind und das Rankenwerk der Bildseiten oben oder unten minimal beeinträchtigt ist. Auf fol. 83/83v Rückstände von Klebstoff; hier waren einmal beidseitig ganzseitige Pilgerbilder oder Vergleichbares eingeklebt, ebenso auf fol. 158v, wo der Abdruck eines Pilgerabzeichens zu erkennen ist.
Französischer roter Maroquin-Einband des 18. Jahrhunderts mit goldgeprägten Rahmen aus Blattgirlanden auf den Deckeln mit je vier auf Eck gestellten Blumenstempeln in den Ecken; glatter Rücken mit 6 Kompartimenten und jeweils einem zentralen Blumenstempel, mit der Aufschrift Offices / de / l’eglise; Marmorpapier als fester und fliegender Vorsatz vorn und hinten, Goldschnitt.
Der Text
fol. 1: Kalender, mit vorwiegend Pariser Heiligen, mit Fest der Genovefa (3. 1.) und Dionysius (9. 10.) sowie Translatio Genovefas als einfacher Eintrag (26. 11.) in stark dialektaler Schreibweise.
fol. 13: Perikopen: Johannes (fol. 13), Lukas (fol. 14), Matthäus (fol. 15) und Markus (fol. 16v).
fol. 17: Mariengebet O intemerata in französischer Übersetzung: O tres enternie et perdurablement benoite singuliere non comparable vierge marie.
fol. 21: Marienoffizium für den Gebrauch von Paris, mit drei Nokturnen zur Matutin: Matutin (fol. 21), Laudes (fol. 42v), Prim (fol. 53), Terz (fol. 58v), Sext (fol. 62v), Non (fol. 67), Vesper (fol. 71), Komplet (fol. 77v).
fol. 83: Bußpsalmen, mit Litanei (fol. 95), die auf Pariser Heilige ausgerichtet ist; unter den Bekennern auch Lebuinus von Utrecht und Severin, unter den Frauen Genovefa, Christina, Christiana, Corona und Columba von Sens.
fol. 100: Horen von Heilig Kreuz (fol. 100) und Heilig Geist (fol. 104v).
fol. 108v: Französische Gebete: Fünfzehn Freuden Mariä: Doulce dame de misericorde, gefolgt von den Fünf Schmerzen unsres Herrn (V plaies de nostre seigneur): Quiconques veult … Dous dieu (fol. 113). fol. 116: Totenoffizium, für den Gebrauch von Paris: Vesper (Anfangsblatt fehlt vor fol. 116), Matutin und Laudes werden nicht durch Rubriken bezeichnet; mit der Besonderheit, dass die Responsorien der neun Lesungen gemäß Ottosen (1993) nach Paris gehören, jedoch das abweichende fünfte Responsorium „Domine dum veneris iudicare …“ in keinem seiner vollständigen Beispiele verzeichnet ist.
Schrift und Schriftdekor
Das Stundenbuch ist in einer recht großen Textura geschrieben, was für die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts auch in Paris nicht verwunderlich ist. Auch das leuchtende Hellrot der Rubriken ist in dieser Zeit typisch. Die Abfolge der Texte wird durch die Ordnung der Lagen in ihrer aktuellen Form bestätigt.
Bemerkenswert in unserem Stundenbuch ist der Umstand, dass zwei Schreiber zusammengearbeitet haben: den ersten Hinweis darauf liefert die abweichende Farbe der Rubriken, die von einem hellen Rot zu einem dunkleren wechseln, das sich dem Rot des Initialdekors annähert. Auch die schwarze Tinte ist in diesen Texten durchweg weniger gut erhalten als in den übrigen Teilen des Manuskripts. Da die Texte aber zum Teil in denselben Lagen nebeneinander stehen, handelt es sich nicht um nachträgliche Erweiterungen. Dabei wurde auf fol. 17 eine dreizeilige Initiale, die sonst in Dornblatt ausgeführt sind, in Blattgold auf einer rot-blauen Fläche mit einem sonst nicht wiederkehrenden weißen Spiralmuster gegeben.
Der für die ein- und zweizeiligen Initialen vorherrschende Flächendekor besticht vor allem durch die kräftige schwarze Umrandung und den dem Initialkörper folgenden Grund, der gelegentlich weit in den Rand ausschlägt und das dicht mit Zeilenfüllern besetzte Schriftbild dynamisiert.
Das Rahmensystem der Bildseiten – dreiseitige Doppelstäbe und Dornblattranken, die in feinen Tintenlinien aus den Ecken und der Mitte der Zierstäbe in die Ränder wachsen – ist relativ neu und setzt sich in Paris erst im Jahrzehnt nach 1400 langsam durch. Die wichtigste Miniatur des Stundenbuchs, die Verkündigung an Maria, erhält als besondere Auszeichnung auf allen drei Seiten Zierleisten im Flächendekor. Die Zierleisten folgen nicht konsequent einem einzigen Muster, sondern treten in zwei Varianten auf: Entweder sprießen die Doppelstäbe aus der Initiale oder sind unverbunden und stoßen zuweilen so aneinander, als habe man zunächst mit abweichenden Rahmen gerechnet.
Die Bilder
Weder der Kalender noch die Perikopen wurden in diesem Stundenbuch bebildert und so eröffnet die Bildfolge mit der Verkündigung (fol. 21) zur Matutin des Marienoffiziums. Vor wechselnd goldenen beziehungsweise mit weißen fleur de lis auf Rosa und Blau verzierten Rauten steht eine schräg in den Bildraum gestellte Kapelle mit Apsis nach links. Vor einem mit rotem Tuch verhangenen Altartisch mit Retabel hat die ganz in Blau gehüllte Jungfrau ihr Buch aufgeschlagen und sich auf ein davorliegendes Kissen gekniet. Nun hebt sie überrascht beide Hände und wendet sich über die Schulter dem in einen rosafarbenen Chormantel gehüllten Erzengel Gabriel zu, der – wie in vielen Stundenbüchern der Bedford-Gruppe, aber nur selten in solchen des Boucicaut-Stils – von rechts hinzugetreten und vor dem Kapellenraum auf dem gemeinsamen Fliesenboden niedergekniet ist. Das Schriftband mit seinem Gruß schwebt vor ihm, ohne dass er es selbst hielte. Begleitet wird er von der Taube des Heiligen Geistes, die seinem Gruß folgend auf Maria herabsinkt, ausgesendet von einer kleinen Gotteserscheinung in der oberen rechten Ecke.
Zu den Laudes folgt auf fol. 42v die Heimsuchung: Von links tritt Maria an ihre Base Elisabeth heran, die sich demütig vor der zukünftigen Gottesmutter verneigt und sanft deren schwangeren Leib berührt. Die beiden Frauen treffen einander in einer flachen Wiesenlandschaft, wobei Maria ein einzelner Baum, Elisabeth aber ein Fels zugeordnet wird. In der Entstehungszeit unseres Buches war die Zeit für große Landschaftsausblicke noch nicht gekommen, stattdessen spannt sich ein kleinteiliger Mustergrund als Fond hinter die Landschaftskulisse. Ins Zentrum rücken die großen Figuren von Maria und Elisabeth – die eine mit blondem Haar, die andere mit verhülltem Haupt – vom Maler durch den Einsatz von tiefem Blau und leuchtendem Rot und Rosa, wie es auch das Gewand des Engels in der Miniatur zuvor charakterisierte, spannungsreich kontrastiert.
Die Geburt zur Marien-Prim (fol. 53) gehört zu den einfallsreichsten und lebendigsten Miniaturen in unserem Stundenbuch; der Stall überspannt die gesamte Breite des Bildes und ist doch schräg ins Bild gestellt. Von hinten blicken Ochs und Esel über die Krippe auf Maria, die auf einem großen roten Bett sitzt und das Wickelkind zart an sich schmiegt. Sie bekommt ihren eigenen Bildraum in der Komposition, der zugleich der größte ist. Wie ein anekdotischer Nebengedanke ist in der rechten Bildhälfte, umschlossen von zwei Holzpfosten des Stalls, Joseph in hellgrünem Gewand und rosafarbenem Bonnet gezeigt, wie er auf einem Holzstuhl seinen Kopf stützt, um ein Nickerchen zu halten; als eine besonders individuell gestaltete und genrehafte Szene ist dies wohl eines der schönsten Weihnachtsbilder, die der Mazarine-Meister gemalt hat.
Es folgt zur Marien-Terz die Hirtenverkündigung auf fol. 58v. Im Vordergrund grast eine Gruppe von Schafen, während die zwei Hirten und ihr Hund zum Engel aufblicken, der als Halbfigur in einer blauen Wolke erscheint und ein leeres Schriftband präsentiert. Wieder genügen ein Baum und ein schroffer Felsen, um verständlich zu machen, dass diese Szene im Freien spielt. Der Mazarine-Meister zählt zu jenen Künstlern, die besonders schöne Versionen dieser Szene entwickelt haben; der Hirte in rosafarbenem Mantel, der, offenbar beim Musizieren von der himmlischen Erscheinung überrascht, seine Flöte absetzt und sich umwendet, dominiert als großartige Gestalt den Bildraum.
Zur Anbetung der Könige auf fol. 62v hat der Maler den Stall so gedreht, dass Maria links auf ihrem Bett Platz nehmen und die von rechts hinzutretenden Könige wie auf einem Thron empfangen kann. Der Knabe sitzt nun nackt auf ihrem Schoß und greift nach dem Geschenk des ältesten Königs, der seine Krone schon abgenommen hat und vor der Muttergottes kniet. Die beiden anderen Könige sind noch gekrönt und einander so zugewandt, als müssten sie sich erst über das Ereignis klar werden. Die Profile der beiden spiegeln sich in der Verwendung des Hellgrüns wieder, das sowohl für den Kragen des mittleren als auch das Gewand des jüngsten Königs verwendet wurde. Dabei wird auch klar, dass die kraftvollen Farben Blau und Rot als Auszeichnung Maria und dem Kind vorbehalten sind, während nachgeordnete Figuren Mischtöne tragen.
Dies trifft auch für die Darbringung im Tempel auf fol. 67 zur Marien-Non zu. Auf Eck gestellt ist der Altar auf einem bunt gekachelten Fußboden vor einem Karo-Mustergrund mit fleurs de lis. Dahinter steht Simeon in rotem Chormantel, die Hände mit einem weißen Tuch verhüllt, um den Knaben entgegenzunehmen. Der sitzt nackt auf den Armen seiner Mutter, die, wieder ganz in Blau gekleidet, an den Altar tritt. Begleitet wird sie von einer – ihres Nimbus wegen – heiligen Magd mit Kerze als Anspielung auf Lichtmeß, aber leerem Körbchen. Dass auf die Charakterisierung des Sakralraums verzichtet wird, beweist die frühe Entstehung der Miniatur.
Zur Flucht nach Ägypten zur Marien-Vesper auf fol. 71 hat der Ziehvater Joseph Maria mit dem Wickelkind auf einen großen grauen Esel gesetzt, der behäbig, wie schon zur Geburt mit einem geradezu fröhlichen Ausdruck im Gesicht, nach links über die Wiese trabt. Maria hat sich und das Kind in ihren langen blauen Mantel gehüllt, während Joseph den Esel bei dem Zaumzeug führt und über seine Schulter auf die kostbare Fracht blickt.
Am Ende des Marienoffiziums erscheint in französischen Stundenbüchern üblicherweise die Marienkrönung zur Komplet, so auch in unserem Buch. Auf fol. 77v sind zwei Thronstühle schräg in den Bildraum geschoben. Der linke, ein stattlicher Holzthron, der mit einem roten Stoff bezogen ist, dessen Blumenmuster an millefleurs- Teppiche denken lässt, wartet mit dem dicken weißen Kissen auf Maria. Die Muttergottes kniet aber noch vor dem Herrn, der rechts unter einem grünen Baldachin thront. Mit seinem Segen richtet sich Christus in königlichem Ornat an seine Mutter; und als würde sie seinen Gestus begleiten, schwebt die Krone ganz unauffällig vor dem mit goldenen fleurs de lis gemusterten Fond.
fol. 83: Die Bußpsalmen eröffnen mit der Majestas domini. Gottvater, von den vier apokalyptischen Wesen umgeben, thront zwischen den Zeichen des alten und des neuen Bundes; das weist zurück auf die Tradition des 14. Jahrhunderts; auf einem Steinthron sitzt der Bärtige mit grauem Haar, die Rechte zum Segen erhoben und eine goldene Kugel in der Linken, die auf die weltliche und himmlische Macht Gottes verweist. Die vier Wesen werden auf Spruchbändern als Symbole der Evangelisten identifiziert: Die zur Erde gehörigen, Löwe und Ochse, liegen zu Füßen von Gottes Thron, die Wesen der Lüfte, Engel und Adler, schweben vor einem blauen Wolkenband in den oberen Ecken über demselben Fond mit durch fleurs-de-lis gemusterten Rauten, der auch die Verkündigung und die Darbringung schmückte. Im Boucicaut-Stil wie im frühen Bedford-Stil gab man zur gleichen Zeit schon David als biblischem Autor der Psalmen in seiner Buße den Vorzug; siehe dazu unser Buch von 2011 (Katalog 66) mit Gottesbildern in Nr. 1 (S. 161), im „Joffroy-Stundenbuch“ vom Bedford-Meister (Nr. 2: S. 195) und in Nr. 5 vom Mazarine-Meister (S. 269), während beim Bedford-Meister zu diesem Incipit in Nrn. 3 und 4 (S. 229 und 249) und bei Conrad von Toul in Nr. 6 (S. 297) David erscheint.
fol. 100: Die gewohnten Erkennungsbilder der Horen haben sich hier bereits durchgesetzt: Heilig-Kreuz wird mit einem Bild der Kreuzigung auf fol. 100 eingeleitet. Statt eine Szene des Passionsgeschehens inmitten von römischen Söldnern und klagenden Frauen zu zeigen, spannt sich das Kruzifix in voller Bildhöhe auf einer Wiese vor dem Mustergrund, während unter den Kreuzesarmen Maria und Johannes in stiller Trauer zum Kreuz gewendet die Köpfe neigen. Maria hat die Hände zum Gebet gefügt, während Johannes, als Evangelist mit einem Buch bezeichnet, die Hand an die Wange legt; es ist eine stille, zeitlose Fassungslosigkeit, die der Maler in diesem Kreuzigungsbild zum Gedenken an die Passion Christi entwickelt hat.
Die Horen von Heilig-Kreuz eröffnen mit einer Darstellung des Pfingstwunders (fol. 104v). Auf einer Holzbank, die wohl an ein Chorgestühl erinnern soll, sitzt die blau gewandete Gottesmutter in der Mitte, die Füße auf einem roten Kissen. Über ihr erscheint die Taube des Heiligen Geistes, die einen roten Strahlenkranz aussendet; darunter teilt sich die Gruppe von Aposteln symmetrisch in zwei Gruppen. Die linke wird angeführt vom jugendlichen Apostel Johannes in rotem Gewand, die rechte von Petrus als Apostelfürst in einem grünen Gewand, das durch das rote Innenfutter in den Mantelumschlägen eine aufregende Dynamik entwickelt. Mehr braucht der Maler nicht, um das Geschehen wiedererkennbar zu charakterisieren; die übrigen Apostel werden durch halbe Köpfe und Heiligenscheine angedeutet. Einzig der Apostel neben Johannes ist vollständig charakterisiert; er trägt Schwarz.
fol. 108: Die letzte Miniatur begleitet das französisches Mariengebet „Doulce dame“, das gern von einem Herrengebet mit Anrufungen des „Dous dieu“ begleitet wird, in unserem Manuskript aber nur durch eine dreizeilige Dornblatt-Initiale mit Vollbordüre hervorgehoben wird. Auf fol. 108v sitzt nun auf einem rosafarbenen Thron ohne Lehne die Madonna mit Kind: Nun trägt Maria ein rosafarbenes Gewand und ist in einen blauen Mantel mit goldenem Saum gehüllt. Die sonst so elegante Streckung des Kopfes weicht einem rundlicheren Antlitz mit spitzem Kinn. Die blonden Locken legen sich bewegt um das Haupt und fallen locker auf die Schultern; ruhig blickt sie auf den kleinen Christusknaben, der, hier mit etwas bleichem Inkarnat und blondem Haar, in ein transparentes Tuch gehüllt, lebendig auf dem Schoß seiner Mutter turnt und die kleinen Ärmchen ausstreckt.
Zum Stil
In ihrer Gesamtgestalt repräsentiert diese Handschrift einen Stil, den man vom Grafen Paul Durrieu bis zu Millard Meiss 1968 vom „Stundenbuch des Marschalls Boucicaut“, Ms. 2 des Pariser Musée Jacquemart-André aus, bestimmt hat. In ihrer wegweisenden Studie, die 1999 als erster Band unserer Reihe „Illuminationen“ erschienen ist, hat Gabriele Bartz eine heute allgemein anerkannte Scheidung vollzogen: Während Meiss dem Hauptmeister nur das namengebende Manuskript sowie ein später im Besitz des Étienne Chevalier befindliches Stundenbuch, Add. 16996 der British Library, und sonst nur wenige andere Miniaturen als eigenhändige Beiträge zuwies, lässt sich der inzwischen auch durch Neufunde gewachsene Gesamtbestand schlüssig in zwei Stilvarianten scheiden: Neben dem Boucicaut-Meister steht ein Künstler, der von einem vielleicht für den Dauphin Louis de Guyenne oder sogar König Karl VI. bestimmten Stundenbuch der Pariser Bibliothèque Mazarine, Ms. 469, aus definiert wird. Dieser Künstler zeichnet sich durch elegantere Linienführung aus, bevorzugt vor allem in frühen Werken wie unserem Manuskript Terra verde für die Modellierung von Inkarnaten. Seine Kompositionen sind weniger von Perspektive und Raumgewinnung bestimmt; der besondere Sinn für rechte Winkel, der den Boucicaut-Maler auszeichnet, fehlt ihm. Insgesamt dürfte der Mazarine-Meister etwas früher ansetzen als der bisher berühmtere Stilgenosse; intensiv waren seine Beziehungen zum frühen Bedford-Meister und zum Egerton-Meister.
Eine bemerkenswerte neue Erkenntnis ergibt sich aus Untersuchungen in Cambridge unter der Leitung von Stella Panayotova. Im neuesten Ausstellungskatalog des Fitzwilliam Museums Cambridge (Colour. The Art & Science of Illuminated Manuscripts, London 2016, S. 127–129) teilt sie im Beitrag über „Master’s Secrets“ gemeinsam mit Paola Ricciardi mit, dass der Mazarine-Meister in einem Exemplar des „Livre des propriétés des choses“ von Bartholomäus Anglicus (Ms. Founders 251) Farben in Mittelholländisch oder gar Deutsch an gegeben hat: „rot“ oder „root“ steht da neben „himel“ für Blau.
Damit erweist sich Paris auch für den Mazarine-Meister als der Schmelztiegel, in dem Leute aus der ganzen lateinischen Welt zusammenfanden und neue, dann für die französische Hauptstadt charakteristische Kunst entwickelten. Nicht ganz so charakteristisch für Paris war hingegen jener Maler, der mit dem Madonnenbild am Schluss die elegante Proportionierung und den Linienfluss vermissen lässt, die den Mazarine-Meister auszeichnen. Dieser aus Deutschland stammende Mitarbeiter gestaltet seine Figuren mit kompakter Lebendigkeit; wo der Mazarine-Meister die farbstarken Gewänder ganz aus der Dichte des Pigments entwickelt, benutzt er dunkle Konturen, um die kleinteiligen Stoffkaskaden des blauen Marienmantels vorzubereiten und dann mit vielen feinen Pinselstrichen in einem hellen Blau zu höhen. Selbst den Heiligenschein gestaltet dieser Maler anders; Mutter und Kind erhalten bei ihm einen wunderbaren Strahlenkranz um das Haupt, der auf dem Blattgold der Nimben gearbeitet ist.
Zu den vielen erstaunlichen Neufunden von markanten Werken der französischen Buchmalerei aus dem ersten Jahrzehnt nach 1400 gehört dieses Stundenbuch eines der führenden Buchmaler, handelt es sich doch um eine recht frühe Arbeit des Mazarine-Meisters, dessen Eigenart inzwischen klar vom Stil des Boucicaut-Meisters unterschieden wird. Vom Buchdekor und dem Zuschnitt der fast quadratischen Miniaturen gehört diese Handschrift in die Zeit vor dem Auftauchen des ab 1407/08 dokumentierten Akanthus. In der schlichten und überzeugenden Bildsprache in Miniaturen, die noch weitgehend auf Architektur und Landschaft verzichten, dafür aber mit kostbaren Mustergründen aufwarten, bereiten Werke wie dieses die großen Neuerungen vor, die das zweite Jahrzehnt bringen sollte. In der kostbaren Farbigkeit und der eindrucksvollen Modellierung verraten die Miniaturen bereits die technischen Neuerungen, die, wie wir heute wissen, nicht allein auf den Boucicaut-Meister, sondern vor allem auf den hier tätigen Mazarine-Meister und auch den Bedford-Meister zurückgehen, die wohl beide nicht in Paris geboren wurden. Durch die Mitarbeit eines wohl aus dem Rheingebiet stammenden Buchmalers könnten von deutschsprachigem Gebiet herrührende Einflüsse Gewicht bekommen, zumal der Mazarine-Meister selbst, wie gerade erkannt wurde, Farben auf Deutsch oder Holländisch notierte.
Literatur: Vgl. unseren Katalog Paris mon Amour I, Nr. 5. – Siehe Abb. Tafel 1 und 2.

Preis: 680000,- EUR

 

 

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