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Bibermühle – Heribert Tenschert (Stand 17 )
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Illuminierte Manuskripte · Schöne und seltene Bücher des 15. bis 20. Jahrhunderts

 


Sterner, Ludwig. Reimchronik des Schwabenkrieges (von Johann Lenz) und Chronik der Burgunderkriege (von Peter von Molsheim) mit den von Sterner beigefügten Anhängen: Zwölf zum größeren Teil hier ebenfalls unikal überlieferten politischen Liedern. Deutsche Handschrift auf Papier in Schwarzbraun und Rot, in kalligraphischer Buchkursive mit zahlreichen drei- bis fünfzeiligen Lombard-Initialen in Rot und Blau, regliert und rubriziert. Freiburg im Uechtland, mehrfach datiert 1500/1501. 293 Blätter, Folio (Blattgröße ca. 300 x 215 mm), zu 31 Zeilen. Gebunden auf drei Bünde im originalen spätgotischen Schweinslederband über Holzdeckeln aus der Werkstatt der Freiburger Franziskaner mit reicher Blindprägung: Vorderdeckel mit zwei ineinandergesetzten Rahmen, begrenzt durch Streicheisenlinien, der äußere Rahmen mit Rosetten-Medaillons besetzt, der innere in der oberen Hälfte mit Schwanen-Medaillons, unten mit Blattwerkstempeln, das schmale Rechteck im Zentrum mit 5 Schriftband-Stempeln; der Rückdeckel ebenfalls umrahmt von Rosetten, das Mittelfeld hier jedoch mit Streicheisenlinien diagonal geteilt und mit je einem Blattwerkstempel in den Zwickeln geschmückt. Eine (von zwei) Messingschließen.
Die Chronikhandschrift des Freiburger Notars und späteren Bieler Stadtschreibers Ludwig Sterner (gest. 1541) ist in den Jahren 1500/1501 entstanden, also vor genau 518 Jahren. Sie bietet zwar kein eigenständiges chronikalisches Werk, ist aber dennoch ein hochbedeutendes, in vielerlei Hinsicht einzigartiges Dokument eidgenössischer Historiographie, das bisher noch in keiner Hinsicht eine angemessene Würdigung erfahren hat. Wiewohl Sterner, dem auch die Autorschaft einer Schwabenkriegschronik zugeschrieben wird (ediert von A. Büchi, Actenstücke zur Geschichte des Schwabenkrieges nebst einer Freiburger Chronik über die Ereignisse von 1499 [Quellen zur Schweizer Geschichte], 1901), hier auf den ersten Blick nur als Kompilator auftritt, hat er mit der Auswahl und Anordnung der einzelnen Bestandteile der Kompilation eine selbstständige Leistung vollbracht und auf eindrucksvolle Weise ein eigenes chronikalisches Konzept verwirklicht. Unter dem unmittelbaren Eindruck des kurz zuvor siegreich beendeten Schwabenkrieges verknüpfte er eine Darstellung dieses Krieges mit der Beschreibung des eidgenössischen Triumphs über den Burgunderherzog und brachte damit ein Werk zustande, durch welches das auf diese Ereignisse gegründete Selbstbewusstsein der Eidgenossenschaft als einer nahezu unüberwindlichen Kriegsmacht prägnant dokumentiert wird. Doch nicht nur als Zeugnis eidgenössischen Selbstverständnisses ist Sterners Handschrift von Bedeutung. Sie hat darüber hinaus unschätzbaren Wert als Überlieferungsträger, denn allein durch sie sind die umfangreiche Schwabenkriegschronik des Johann Lenz und eine Reihe wichtiger politischer Lieder erhalten geblieben. Provenienz Die Handschrift kam 1599 in die Hände des gelehrten Freiburger Juristen und Staatsmannes Wilhelm Techtermann (1551–1618), dessen Exlibris mit dem Datum 1608 im Vorderdeckel des Codex eingeklebt ist, und im 19. und 20. Jahrhundert befand sie sich im Besitz der Freiburger Familie von Diesbach. Henri de Diesbach (1818–1867) veröffentlichte daraus die Schwabenkriegs­chronik des Johann Lenz und mehrere Lieder, seinerzeit durchaus verdienstvoll, doch heutigen Ansprüchen nicht mehr genügend (H. von Diessbach [Hrsg.], Der Schwabenkrieg, besungen von einem Zeitgenossen, Johann Lenz, Bürger von Freiburg, 1849). Eine Neuedition des Textes ist im Kommentarband zu unserem Faksimile erschienen. Einband und Papier Der Sternersche Codex, ein spätgotischer Lederband im Folioformat, ist im originalen, stellenweise abgegriffenen und am oberen Rücken restaurierten Einband erhalten. Die außen in der Mitte abgeschrägten Holzdeckel sind mit blindgeprägtem hellbraunem Schweinsleder über drei Bünden überzogen. Vorder- und Hinterdeckel zeigen Verzierungen aus drei- und vierfachen Streicheisenlinien und mehreren Stempeln (Schriftband, Rosettenmedaillon, Schwanenmedaillon, Blattwerk). Zwei Messingschließen mit vom Hinterdeckel ausgehenden kurzen Lederriemen halten bzw. hielten den Band zusammen, denn nur die untere Schließe ist komplett; von der oberen ist lediglich der vordere Beschlag mit dem Einhängestift erhalten geblieben. Den Stempeln nach stammt der Einband aus der Werkstatt der Freiburger Franziskaner (vgl. A. Horodisch, Die Buchbinderei zu Freiburg [Schweiz] im 15. Jahrhundert, Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 6. 1944, S. 207–243, Abb. 6–7, Stempel Nr. 8, 20, 26 und 38). Wie die auf den Innenseiten der Buchdeckel befindlichen Besitzeinträge Ludwig Sterners aus dem Jahr 1524 vermuten lassen, ist die Handschrift gegen 1524 gebunden worden. Der Buchblock besteht aus insgesamt 293 Papierblättern (Format 30 x 21,5 cm), die sich auf 37 Lagen zu je vier Doppelblättern verteilen. Aus der 21. Lage (Bl. 160–166) wurde das ursprüngliche Anfangsblatt, das unbeschrieben geblieben war, vom Buchbinder entfernt und an den Schluss des Codex versetzt (jetzt Bl. 293). In der 35. Lage (Bl. 271–277) sind, als die Handschrift noch ungebunden aufbewahrt wurde, insgesamt 5 Blätter verlorengegangen (die Doppelblätter 274/275 und 272/277 und das Einzelblatt 271); das erhaltene Doppelblatt 273/276 ist angeschmutzt und wasserfleckig. Beim Binden wurde das Fehlende durch neuere Papiere ersetzt, der verlorene Text konnte jedoch offensichtlich nicht nachgetragen werden. Abgesehen von den sekundär eingeschobenen Blättern ist für den Hauptteil des Codex (Bl. 1–285) durchgehend einheitliches Papier von guter, kräftiger Qualität verwendet. Es weist das Traubenwasserzeichen der Papiermühle von Marly bei Freiburg auf, wie üblich in zwei verschiedenen Formen (G. Piccard, Die Wasserzeichenkartei Piccard im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Findbuch XIV, 1983, Nr. 691 und 720). Abweichendes Papier findet sich mit Ausnahme des oben erwähnten Schlussblattes in der letzten Lage (Bl. 286–292), einer späteren Beilage zum Hauptbestand. Das Papier ist jüngeren Datums (Wasserzeichen ähnlich bei Ch. M. Briquet, Les Filigranes, 21924, Nr. 13017) und wurde von einer Hand des 16. Jahrhunderts beschriftet. Alle übrigen Blätter des Codex zeigen dagegen einheitliche Beschriftung in einer gleichmäßig schönen Buchkursive mit roten Überschriften und Auszeichnungen sowie roten und blauen Lombardinitialen. Wir haben es, wie unten gezeigt, mit der Hand Ludwig Sterners zu tun. Der gesamte Codex war von ihm, den Vorlagen entsprechend, als Bilderhandschrift geplant, und demgemäß sind an vielen Stellen ganze oder halbe Seiten oder auch halbe Spalten für Illustrationen freigelassen. Diese blieben jedoch unausgeführt. Einrichtung der Handschrift Der von Ludwig Sterner geschriebene Hauptteil der Handschrift ist deutlich aus zwei verschiedenen Komplexen zusammengesetzt, die, wie Gebrauchsspuren auf den Außenblättern zeigen, vor dem Binden separat in Gebrauch waren. Die beiden Partien unterscheiden sich, den unter­schiedlichen Inhalten entsprechend, auch in der Einrichtung. Der erste Teil (Bl. 1–159) mit einer fortlaufend geschriebenen Prosachronik und einem Anhang von Verstexten ist einspaltig angelegt (Schriftspiegel ca. 22,5 x 14,5–15,5 cm, Schriftspiegelbegrenzung einlinig), der zweite Teil (Bl. 160–285) mit Rücksicht auf die abgesetzten Verse der Reimchronik zweispaltig (Schriftspiegel ca. 23 x 16,5–17 cm, Kolumnenbreite ca. 7,5 cm, Basislinie und Kolumnenränder doppellinig abgesehen von Bl. 278–285). Ungebunden blieben die Teile vermutlich wegen der Unfertigkeit der Schwabenkriegs­chronik, es hätten wohl vor dem Binden erst noch die fehlenden Illustrationen ausgeführt werden sollen. Inhalt der Handschrift Der erste Teil der Sternerschen Kompilation (Bl. 1r-157r) betrifft die Burgunderkriege. Das Kernstück ist auf Bl. 1r-138v eine Prosachronik, die als offizielle Freiburger Chronik der Burgunderkriege gilt (ed. A. Büchi [Hg.], Peter von Molsheims Freiburger Chronik der Burgunderkriege, 1914). Sie wurde 1478/79 im Auftrag des Freiburger Rates von dem Kaplan Peter von Molsheim abgefasst, der die ‚Kleine Burgunderchronik‘ des Berners Diebold Schilling an vielen Stellen durch Freiburger Zusätze erweiterte. Beigefügt wurde vor allem ein Vorspann über die Gründung der Städte Freiburg und Bern und über Freiburgs Befreiung aus der Herrschaft Savoyens. Von dieser Chronik, deren von Hans Fries mit Federzeichnungen versehenes Autograph in der Kantonsbibliothek Freiburg erhalten ist (Soc. écon. D 410), gibt es mehrere frühe Abschriften. Sterner kopierte mit geringfügigen Abweichungen eine Vorlage, die der Freiburger Notar Pierre Gayet im Jahr 1492 geschrieben hatte (Stiftsbibliothek Einsiedeln, Cod. Ms. Eins. Nr. 391) und die auf einer mit Erweiterungen versehenen Kopie des Autographs (Kantonsbibliothek Freiburg, Soc. écon. D 727) und teilweise wohl auch auf diesem selbst beruht. Sterners Abschrift der Gayetschen Vorlage war am 28. Januar 1501 fertiggestellt, wie der Schreiberkolophon auf Bl. 138v angibt. Im 17. Jahrhundert diente sie ihrerseits zweimal als Vorlage weiterer Abschriften (Büchi, S. 271–273). – An drei Stellen der Handschrift sind Doppelseiten für Darstellungen der Schlachten bei Grandson, Murten und Nancy reserviert und bedauerlicherweise leergeblieben (Bl. 97v-98r, 118v-119r und 131v-132r). Die Chronik enthält außerdem, wie schon in der Schillingschen Urfassung, zwei Lieder des während der Burgunderkriege überaus produktiven Dichters und Sängers Veit Weber (über ihn Verfasserlexikon 10, 1999, Sp. 775–780), die u. a. auch in Schillings Großer Burgunderchronik und ihren Ablegern enthalten sind, das erste über den Zug nach Pontarlier im April 1475 (Bl. 48r-50v, Abdruck bei R. von Liliencron [Hrsg.], Die historischen Volkslieder der Deutschen, Bd. II, 1866, Nr. 135), das andere über die Schlacht bei Murten (Bl. 122v-126r, Abdruck bei Liliencron, Nr. 142). Auf den Bll. 139r-157r fügte Sterner der Chronik einen aus vier Stücken bestehenden Anhang bei, dessen Niederschrift sich über knapp 20 Tage hinzog und am 16. Februar (Bl. 157r) beendet war: 1. (Bl. 139r-148v) Das Burgunderkriegsgedicht des Straßburger Klerikers Konrad Pfettisheim (Verfasserlexikon 7, 1989, Sp. 564–567). 2. (Bl. 149r-152r) Das Lied vom Ursprung der Eidgenossenschaft, entstanden nach dem Ende der Burgunderkriege, feiert den Sieg der Eidgenossen und ihrer Verbündeten (dazu zusammenfassend Verfasserlexikon 10, 1999, Sp. 125–128). 3. (Bl. 152v-154v) Lied über den Zürcher Bürgermeister Hans Waldmann und seine Hinrichtung im Jahre 1489, verfasst vom Scherer von Ilau, d. i. Illnau bei Pfäffikon (ed. Liliencron II, Nr. 174, vgl. Verfasserlexikon 8, 1992, Sp. 643f.). 4. (Bl. 155r-157r) Lied über die Macht des Pfennigs von Balthasar Wenck (Verfasserlexikon 10, 1999, Sp. 840f.). Sterner beschließt den Burgunderkriegsteil auf Bl. 157r mit einem gereimten Kolophon, in welchem er den gesamten Komplex als „buoch“ kennzeichnet: „Der disers bùch geschriben hatt/ Jst genempt Ludwig Sterner ertzogen zuo Raconiß/ Den behütt gott vor missetat …“ Damit ist offenkundig, dass er dieses „Buch“ nicht als bloßes Sammelsurium, sondern als eine zusammengehörige Einheit verstanden wissen wollte. Der zweite Teil der Sternerschen Sammlung (Bl. 160r-283v) betrifft den Schwaben- oder Schweizerkrieg. Hauptbestandteil ist wieder eine umfangreiche Chronik (Bl. 160r-275r/v), diesmal kein Prosawerk, sondern eine Reimchronik, die gesteigerten literarischen Anspruch verrät. Autor ist der aus Heilbronn stammende ehemalige Freiburger Schulmeister Johann Lenz, in den Jahren 1498 bis 1500, also auch zur Zeit der Abfassung des Werks, Schulmeister in Saanen (Verfasserlexikon 5, 1985, Sp. 709–712). Die in neun Bücher zu je drei Teilen aufgegliederte Chronik ist als Dialog mit einem der Ereignisse unkundigen und daher wissbegierigen Eremiten inszeniert, dem immer wieder auch Deutungen des Geschehens in den Mund gelegt sind. Sie gehört zu den wichtigsten chronikalischen Darstellungen des Schwabenkrieges mit durchaus eigenem Quellenwert. Lenz wid­mete sie der Stadt Freiburg und übergab Widmungsexemplare sowohl an Freiburg als auch an Bern, für die er von beiden Städten Honorar erhielt, und zwar von Bern im ersten, von Freiburg im zweiten Halbjahr 1500. Beide Exemplare sind verschollen, das Werk ist daher einzig und allein durch die Abschrift Ludwig Sterners erhalten geblieben, der übrigens selbst zu den Informanten von Lenz gehört zu haben scheint. Wie oben bereits gesagt, waren zahlreiche Illustrationen geplant, die aber nicht ausgeführt wurden. Der Schluss der Chronik ist bedauerlicherweise durch die Blattverluste in Lage 35 nur unvollständig erhalten, es fehlen ein Stück aus dem zweiten Teil (Bl. 271–272) und das Ende des dritten Teils des neunten Buches (Bl. 274–275). Die Chronik dürfte bis Bl. 275v gereicht haben. In die Chronik sind insgesamt fünf Lieder eingelegt, darunter eines, das Lenz selbst verfasst hat: 1. (Bl. 179r-180r) Lied gegen die Schweizer, nach dem Wormser Reichstag 1495 entstanden und in der Lenzschen Chronik unikal überliefert (Abdruck bei Liliencron II, Nr. 196). 2. (Bl. 209r-210v) Lied über die Schlacht im Schwaderloh, verfaßt von dem Luzerner Hans Wick, der selbst an der Schlacht teilgenommen hatte (Verfasserlexikon 10, 1999, Sp. 986–989). 3. (Bl. 248r-249v) Lied über die Schlacht an der Calven, auch als „Bündnerlied“ bekannt und durch eine Reihe von Oktavdrucken weit verbreitet (Liliencron II, Nr. 205). 4. (Bl. 259r-260v) Lied gegen die Schweizer, verfasst von Mathes Schanz (Verfasserlexikon 8, 1992, Sp. 603f.. 5. (Bl. 268r-270v, 273r) Lied von Johann Lenz über die Schlacht bei Dornach (Liliencron II, Nr. 207). Fünf weitere Schwabenkriegslieder hat Sterner, die Serie der in die Chronik eingebetteten Lieder fortsetzend, als Anhang beigefügt (Bl. 276r- 283v): 1. (Bl. 276rv) Lied gegen die Bündner, nur hier überliefert (Liliencron II, Nr. 199). 2. (Bl. 276v) Lied gegen die Schweizer (Liliencron II, Nr. 198). 3. (Bl. 278r-279v) Lied über den gesamten Krieg, verfasst von Peter Müller (Verfasserlexikon 6, 1987, Sp. 747–749). 4. (Bl. 280r-282v) Lied über den gesamten Krieg (Liliencron II, Nr. 208). 5. (Bl. 283rv) Lied über die Schlacht bei Dornach, von Sterner in der Überschrift mit Bezug auf das Lenzsche Lied als „das recht Dorneck lyed“ bezeichnet (Liliencron II, Nr. 206). Als Beilage von anderer Hand ist der Sternerschen Sammlung auf Bl. 286r-292r schließlich eine Abschrift des Freiburger Vennerbriefs von 1404 mit dem Nachtrag von 1407 beigebunden, die aus dem 16. Jahrhundert stammt und Sterners Verbundenheit mit seiner alten Heimatstadt bezeugt. Der alljährlich an St. Johann öffentlich verlesene, bis 1798 gültige Vennerbrief war ursprünglich französisch abgefaßt (Recueil diplomatique du Canton de Fribourg, Bd. VI, 1869, Nr. 360), wurde aber bald übersetzt. Die älteste datierte deutsche Handschrift im Staatsarchiv Freiburg stammt von 1417. Authentizität und überlieferungsgeschichtliche Bedeutung In der Forschung bestand bisher keine Einigkeit darüber, ob es sich bei der Handschrift um Sterners Autograph oder aber nur um eine Abschrift handle. Dezidiert bezweifelt wurde die Authentizität von Ferdinand Vetter (Anzeiger für Schweizerische Geschichte NF 4. 1882/85, S. 269–274). Er beurteilte die Handschrift als das Werk eines unselbstständigen Schreibers, der das Sternersche Original „wörtlich und buchstäblich“ abgeschrieben habe, und zwar „vor 1524“ (S. 274). Diese Auffassung begründete er folgendermaßen: Die Schrift weiche von derjenigen ab, die in Sterners Geschäftsbüchern aus den Jahren 1506–1510 (heute Staatsarchiv Freiburg, Notariatsregister 129 und 130) dokumentiert sei; der Text des Schwabenkrieges weise vielfache Schreib- und Lesefehler auf; Sterners Notariatssignet in der Handschrift unterscheide sich von dem in seinen Geschäftsbüchern, und sein Name sei in der Handschrift einmal mit doppeltem n statt wie üblich mit einem einzigen geschrieben. Dagegen kam Albert Büchi, der in der Beurteilung der Handschrift zunächst Vetter gefolgt war, wobei er sie freilich anders als dieser zu einer Kopie „aus dem Jahre 1524“ machte (A. Büchi, Die Chroniken und Chronisten von Freiburg im Uechtland, Jb. für Schweizerische Geschicht 30. 1905, S. 197–326, hier 244), zu einem anderen Befund: Er sah in dem Codex „wenn nicht das Autograph Sterners, so doch eine unter seiner Aufsicht im Jahre 1501 angefertigte Handschrift“ (A. Büchi [Hrsg.], Peter von Molsheims Freiburger Chronik der Burgunderkriege, 1914, S. 267). Für diese Auffassung brachte er einige einleuchtende, wenngleich nicht zwingende Gründe vor, konnte allerdings lediglich eine kurze Notiz auf Bl. 280r der Handschrift als „unzweifelhaft von der Hand Sterners“ identifizieren. Die Forschung bezog sich freilich weiterhin auf seine ursprüngliche Meinung: „Der Band ist die 1524 entstandene Kopie nach einem verschollenen Original von 1501“, schrieb Max Wehrli 1952 (Quellenwerk zur Entstehung der Schweizerischen Eidgenossenschaft III, 2/1, S. 5). Ich selbst habe diese Einschätzung noch 1995 – die Handschrift war damals wie schon lange zuvor unzugänglich – im Sterner-Artikel des „Verfasserlexikons“ wiederholt (Bd. 9, Sp. 309). Das kann und muss jetzt revidiert werden, denn die Untersuchung des Codex hat ergeben, dass es sich tatsächlich um die Originalhandschrift Ludwig Sterners aus dem Jahre 1501 handelt. Folgende Gründe sind dafür maßgebend: 1. Die Schrift ist unzweifelhaft diejenige Sterners. Sie unterscheidet sich zwar im Duktus, wie Vetter richtig gesehen hat, deutlich von der Schrift in Sterners Notariatsregistern aus den Jahren 1506–1510, aber die Differenzen zwingen nicht zur Annahme verschiedener Hände, sondern sie erklären sich aus unterschiedlichen Zielsetzungen und Verwendungszwecken: Während die Aufzeichnungen in den Notariatsregistern lediglich rasch hingeworfene Notizen darstellen, die als Grundlage späterer Reinschriften dienten, hat sich der Schreiber der Chronik, ungeachtet zahlreicher Versehen und Flüchtigkeiten, ganz offenkundig um Kalligraphie bemüht. Entsprechend unterschiedlich musste das Ergebnis ausfallen. Dass wir es in der Chronik aber tatsächlich mit Sterners eigener Hand zu tun haben, zeigt eine von Sterner stammende Eintragung in einem Buch aus seinem Besitz mit zwei Drucken von 1498 und 1499, das überdies beigebundene Papiere mit demselben Wasserzeichen wie in der Chronik enthält (jetzt Porrentruy, Bibliothèque Cantonale du Jura, Inc. 417, vgl. die Abbildung im Katalog der datierten Handschriften in der Schweiz in lateinischer Schrift vom Anfang des Mittelalters bis 1550, Bd. II, 1983, Abb. 749). Die Schrift dieses wohl noch im Jahr 1500 entstandenen Sterner-Autographs stimmt mit der der Chronik vollkommen überein und beweist deren Eigenhändigkeit. 2. Das in der Chronik mehrfach vorkommende Notarssignet Sterners, dessen Authentizität Vetter angezweifelt hatte, zeigt zwar geringfügige Abweichungen von der in den Notariatsregistern vorkommenden Form, aber derartige minimale Unterschiede können nicht als Beweis der Unechtheit gewertet werden (P.-J. Schuler, Geschichte des südwestdeutschen Notariats [Veröffenlichungen des Alemannischen Institus 39], S. 246f.). Im Gegenteil beweist allein schon die Tatsache der Verwendung des Signets in Verbindung mit der Namensunterschrift die Eigenhändigkeit der Chronik, da das Signet „dem öffentlichen Notar als Amtssymbol diente und darüber hinaus ganz persönlich einen einzigen Notar und seine abgeleitete Autorität kennzeichnete“ (ebd. S. 250) und daher auch von einem anderen nicht einfach imitiert worden sein kann. Bestätigt wird die Korrektheit des Signets schließlich durch ein von Sterner aufgesetztes Notariatsinstrument vom 18. Juni 1503 (Porrentruy, Fondation des Archives de l’ancien Evêché de Bâle, B 251/1, no 54, abgedruckt von A. Büchi, in: Jb. für Schweizerische Geschichte 30. 1905, S. 323f.). Dessen Signet hat dieselbe Form wie das der Chronik, es handelt sich in beiden Fällen um die ursprüngliche Signetform, die von Sterner später geringfügig verändert wurde (Varianten dieser jüngeren Form finden sich auch als Federproben auf Bl. 271r der Chronikhandschrift). 3. Die Auffassung Vetters, die Handschrift sei kein Original, sondern lediglich eine Kopie, ist auch aus einem anderen Grund unhaltbar: Nach der vom Schreiber selbst vorgenommenen Datierung war die Abschrift der Burgunderchronik am 28. Januar 1501 und die des Burgunderkriegsanhangs am 16. Februar 1501 beendet. Wohl infolge Blattverlusts fehlt für den Schwabenkriegsteil eine entsprechende Angabe, doch ist ein enger zeitlicher Zusammenhang anzunehmen, da für beide Teile ein und dasselbe Papier verwendet wurde. Dessen Verwendungszeit kann aufgrund anderer Quellen relativ sicher bestimmt werden. In der im Staatsarchiv Fribourg lückenlos erhaltenen Reihe der Freiburger Seckelmeisterrechnungen, die halbjahresweise zusammengestellt wurden, findet sich Papier mit identischen Wasserzeichen, wie eine gründliche Überprüfung für die Jahre ab 1495 ergeben hat, einzig und allein für die beiden Semester des Jahres 1501. Damit bestätigt die Datierung des Papiers die Angaben des Schreibers und schließt spätere Entstehung der Handschrift aus. Zum Schluss sei noch einmal nachdrücklich auf die überlieferungsgeschichtliche Bedeutung des Codex hingewiesen! Folgendes ist besonders hervorzuheben: Bei Sterners Abschrift der Lenzschen Schwabenkriegschronik handelt es sich um den Codex unicus dieses Werkes, von dessen Existenz wir ohne die Handschrift zwar durch archivalische Belege wüssten, von dem wir aber sonst nicht die geringste Vorstellung hätten. Unikal überliefert sind in der Handschrift überdies nicht weniger als sechs Lieder, eines im ersten Teil (das Waldmannlied Anhang Nr. 3) und fünf im zweiten Teil (in der Lenzschen Chronik die Nummern. 1, 2 und 5 und im Anhang die Nummern 1 und 2). Und nicht zuletzt haben wir es bei immerhin fünf weiteren Liedern, darunter dem wirkungsmächtigen Lied vom Ursprung der Eidgenossenschaft, mit der Erstüberlieferung zu tun (Teil I, Anhang Nr. 2 und 4, Teil II, Anhang Nr. 3, 4 und 5) oder doch wenigstens mit der frühesten handschriftlichen Bezeugung (Teil II, Nr. 3 und 4). Darüber hinaus aber stellt auch der Codex als Ganzes, wie eingangs beschrieben, aufgrund seiner Konzeption ein einzigartiges Dokument von hohem literarischem und höchstem historischem Wert dar. (Dr. F. Schanze).

Preis: 980000,- EUR

 

 

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