»Ich komme wieder, keine Frage!«

Resümee der 57. Stuttgarter Antiquariatsmesse

»Er sei sehr glücklich«, meinte lächelnd Dieter Zipprich, Antiquar aus Bamberg und neu in den Vorstand gewählter Beisitzer, und fügte hinzu: »Der erste Tag war richtig gut«. Diesem Urteil schlossen sich am Messesonntag die meisten der 64 Aussteller auf der diesjährigen Stuttgarter Antiquariatsmesse an. Dass auch er im nächsten Jahr wieder dabei sein wird, weiß bereits Philipp S. Penka aus Berlin, der neben Sokol Books Erstaussteller war; in London will man erst einmal den erzielten Umsatz ermitteln, empfand den Auftakt jedoch als gut.


Spannende Verlosungen
Wiederum wurde am Freitagvormittag auf knapp zwei Dutzend Exponate gelost. Besonders begehrt waren der »Konfidenten-Bericht über die Verhaftung und Behandlung des ›Jud Süss‹ (Oppenheimer) in Studtgart 1737/38«, den das Tübinger Antiquariat Banzhaf für 6000 Euro angeboten und damit zum ersten Mal das Losverfahren am eigenen Stand miterlebt hat. Ebenfalls viele Sammler bzw. Händler interessierten sich für die Sondernummer »Der Arzt« der Berliner Dada-Zeitschrift »Der blutige Ernst«, aus Amsterdam mitgebracht vom Antiquariaat Die Schmiede (1600 Euro). Das Widmungsexemplar von Goethes »Hermann und Dorothea« ging am Stand von J. A. Stargardt durch Los für 12 000 Euro weg. Gefragt waren auch das Stammbuch mit Hegels eigenhändigem Eintrag (bei Eberhard Köstler), Johannes Keplers Veröffentlichung über die Schneekristalle (bei Fons Blavus) und Joachim von Sternbergs »Bemerkungen über Rußland» nach einer 1792/93 unternommenen Reise (bei Christian Strobel).

Aus dem Land und aus Fernost

Mit ihrem Katalogangebot trafen eine ganze Reihe von Anbietern auf Sammlerinteresse: Widmungsexemplare von Hesses »Stunden im Garten« und Erich Kästners »Fabian« sowie einige seiner Autographen konnte Norbert Knöll verkaufen. Ebenfalls drei oder vier Objekte – Ernst Wiedners handschriftliches »Tagebuch seiner Gefangenschaft in Sibirien«, das Panorama vom Rossberg in der Schwäbischen Alb und chinesische Holzschnitt-Reproduktionen, beziehungsweise eine Reihe ihrer illustrierten Pressedrucke und Künstlerbücher – wechselten bei den Antiquariaten Heckenhauer und Seidel & Richter gleich am ersten Tag den Besitzer. Zur großen Zufriedenheit der Aussteller, von denen einige zudem auf Nachverkäufe hoffen, wurde ihre Angebote im Katalog gut aufgenommen.
Heimisches und Exotisches im drei- und vierstelligen Bereich war gleichermaßen gefragt: Für Heinrich Kleys Aquarell der »Schauinslandbahn« bei Kunkel fand sich ebenso ein Liebhaber wie für ein handkoloriertes japanisches Leporello mit Maskendarstellungen (von Engel angeboten).
Ein »Andächtigs Bettbüchlein« des Johann Jeep wollten gleich zwei Bibliotheken für ihre Sammlungen von Rainer Schlicht erwerben – München trat zugunsten von Wolfenbüttel zurück.
Neben dem Kräuter-buch des Pancovius und dem »Prognosticon« verkaufte Neidhardt den Band mit fünfzig malerischen Ansichten des Rhein-Stromes von Janscha und Ziegler, damit auch ein Werk im fünfstelligen Sektor.

Gefragte Rundgänge
Publikumsbegeisterung schlägt sich nicht unmittelbar im Kauf nieder. Das ist bedauerlich, denn für die Mitglieder der Kulturgemeinschaft war ganz klar »Der Renner ist die Sonnenblume«! am Stand des »Tresor am Römer«.
Die geführten Rundgänge fanden großen Zuspruch: Ein Kreis von Rotariern und jeweils zwei Gruppen von Studierenden (von der Hochschule der Medien und den Kunsthistorikern aus Tübingen), von der Kulturgemeinschaft Stuttgart sowie öffentliche, von Inge Utzt begleitet, ließen sich von Ausstellern Graphik (bei Valentien, Boerner und Kunkel), Stundenbücher (von Tenschert), Kinderbücher (von Geisenheyner) oder andere, die Anbieter und das Publikum gleichermaßen begeisternde Titel (bei Bilger, Linke, Neidhardt) zeigen und erläutern.
Fast alle der Teilnehmer der Rundgänge waren noch nie auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse gewesen und nun derart begeistert, dass sie im nächsten Jahr wiederkommen wollen. Sie freuen sich auf weitere Führungen, weil der Blick hinter die Kulissen ungeheuer reizvoll ist – für die Anbieter übrigens auch mehr Freude als Anstrengung. Umlagert war nicht nur bei den beiden Vorführungen der Stand mit den Buntpapieren von Ulrike Grießmayr, der sich in seiner individuellen Gestaltung von allen anderen abhob.

Rhetorisches und Musikalisches
Entgegen der subjektiven Eindrücke, die teils wesentlich mehr, teils weniger BesucherInnen vermuteten, wurden etwa gleich viele wie in den vergangenen Jahren gezählt. Gut angenommen und immer gut besetzt war das Café, nach langer Zeit nicht mehr in einem Zelt, sondern im Glastrakt inmitten des Messegeschehens untergebracht.
Dieser transparente Verbindungsbau war auch Schauplatz der Veranstaltung am Samstagabend, zu dem Sibylle Wieduwilt den eigens aus Berlin angereisten Vertreter der Botschaft von Belgien, Generaldirektion der Regierung Flanderns, Koen Haverbeke, begrüßen konnte. Prof. Nils Büttner hielt einen fulminanten Vortrag über »Rubens als Bildkünstler«, dessen Verve und Kenntnisreichtum dies deutlich als sein Spezialthema erkennen ließ.
Musikalisch umrahmte die Reden der junge italienische Cellist Leo Morello mit »Ricercari«, den um 1690 ersten wichtigen für Cello solo komponierten Stücken von Domenico Gabrielli und drei kleinen Werken von Johann Sebastian Bach.

Künstler und das Buch
Die Vitrinenausstellung, die die BesucherInnen gleich am Eingang zur Messe in Empfang nahm, fand die ihr gebührende Aufmerksamkeit, man hätte ihr eine längere Laufzeit gewünscht. Sie wird voraussichtlich im kommenden Jahr vom Klingspor-Museum in Offenbach übernommen, dessen Direktor Stefan Soltek am Montag den gemeinsam mit der Ludwigsburger Antiquaria veranstalteten Auftakt zum Thema »Was taugt dem Künstler das Buch« so lehrreich wie unterhaltsam gestaltet hatte.
Für ein knappes Resümee zitieren wir nochmal Dieter Zipprich: »Die Messe ist immer wichtig und schön, schon wegen der vielen Kontakte!«
Dem ist nur der Termin für die 58. Stuttgarter Antiquariatsmesse hinzuzufügen: Sie wird vom 25. bis 27. Januar 2019 im Kunstgebäude am Schlossplatz stattfinden.

Stimmen von Außen gibt es im → Pressespiegel

Video von Angelika Elstner (ILAB) →





 

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