Krise? Nein Danke - Positive Stimmung auf der 48. Stuttgarter Antiquariatsmesse
STUTTGART, 1. Februar 2009 – Mit guten Verkäufen und lebhaftem Besucherandrang an allen drei Tagen ging die 48. Stuttgarter Antiquariatsmesse zu Ende. Waren die Erwartungen im Vorfeld der Messe verhalten, so zeigten sich die meisten Aussteller überrascht und erfreut. Ein starker Euro, ein schwacher Dollar sowie die verhaltenen Konjunkturprognosen der letzten Wochen und Monate konnten die Kauffreude der Bibliophilen nicht bremsen. Mit leicht steigenden Besucherzahlen herrschte gleich am Eröffnungstag eine lebhafte Atmosphäre im Württembergischen Kunstverein.
An vielen Messeständen entschied 2009 erstmals das Los, wer die begehrten Objekte aus dem Messekatalog mit nach Hause nehmen konnte. Aus Australien, Frankreich und den USA waren Interessierte angereist, die das Gemälde erwerben wollten, das Johann Edlinger von James Cooks Matrosen Heinrich Zimmermann und dessen Ehefrau um 1782 angefertigt hatte. Zimmermann war Augenzeuge von Cooks tragischem Tod auf Hawaii, danach Leibschiffmeister am Starnberger See. Nun werden die Gemälde laut Losentscheid an Zimmermanns Geburtsort Wiesloch zurückkehren (Brockhaus/Antiquarium, 18.000 €). Bei Nietzsches Sokrates in der Erstausgabe 1871 fiel das Los auf einen europäischen Händler am Stand von Daniel Thierstein (18.200 €), der auch ein Handexemplar Arthur Schopenhauers schon am ersten Messetag verkaufen konnte (5.700 €). Bei Haufe & Lutz losten sechs Interessenten um Karbergs 10 kleine Negerlein (1.400 €). Raffaels in Kupfer gestochene Skizzen der vatikanischen Loggie fanden bei Dr. Werner Greve per Los einen Interessenten (9.500 €). Auch bei Wolfgang Braecklein und im Antiquariat Die Schmiede mussten mehrmals die Loskarten entscheiden. Braecklein konnte gut die Hälfte seines Angebotes aus dem Messekatalog verkaufen, darunter Voss’ Musenalmanach (5.500 €). Bei der Schmiede waren es die Erstausgaben der Moderne von Kisch, Polgar und Jakob Haringer, die sogar 20 Interessenten für einen Titel zur Verlosung lockten. Ähnlich ambitioniert zeigten sich die Württembergica-Sammler bei Fons Blavus, wo die Stammbücher, eine Stuttgarter Zeitung von 1782 und ein Reutlinger Rezeptbuch für mehrere Tausend Euro heiß begehrt waren.
„Die Passion siegt“, sagte Dr. Jörn Günther und zog damit ein positives Fazit der diesjährigen Stuttgarter Messe. Eine Reihe von Inkunabeln und illustrierte Bücher des 16. Jahrhunderts gab der Hamburger Antiquar in Sammlerhände (14.000 bis 20.000 €). Heribert Tenschert äußerte sich ähnlich, zumal am Stundenbuch für den Gebrauch von Rouen ein ebenso starkes Interesse besteht (268.000 €) wie an einer Reihe von Meistereinbänden des größten deutschen Buchbinders Ignatz Wiemeler. Das Antiquariaat Forum aus Utrecht verkaufte Duperreys Weltumsegelung (100.000 €), und Max Neidhardt gab eine kolorierte Ausgabe der Schedelschen Weltchronik in den Handel, während die prachtvolle 1630 gedruckte Biblia Sacra einen privaten Liebhaber fand (5.200 €). Erfreut zeigte sich Clemens Reiss, der die 8 naturhistorischen Werke R. Fludds aus dem Messekatalog fast vollständig verkaufen konnte (zwischen 4.500 und 15.000 €). Das hochwertige Inkunabel-Angebot des Messekataloges zog viele Interessenten an, etwa die 1479 gedruckten Fastenpredigten beim Tresor am Römer (8.400 €).
Wie viele Aussteller lobte Dr. Christine Grahamer das hoch interessierte und fachkundige Stuttgarter Publikum, und wurde dafür mit dem Verkauf von Agricolas Bergwerkskunde (12.500 €) und Geiler von Keisersbergs Sermones (5.500 €) belohnt. Franz Siegle feierte gemeinsam mit Winfried Geisenheyner sein 25-jähriges Messejubiläum und konnte neben dem seltenen Arzneibuch von Clusius (4.000 €) die gesamte Eisenbahnliteratur seines Angebots in öffentliche Hände leiten. Eberhard Köstler fand für seine Sammlung mit Autographen zur Geschichte des Schachspiels kauffreudige Schachspielerhände (7.500 €). Und Sabine Keune bestach mit ihrem „sprechenden Bilderbuch“ (1.800 €) sowie zahlreichen signierten Kreidolf-Ausgaben.
Auch die Moderne setzte gute Akzente. Günter Linke, erstmals in Stuttgart dabei, zeigte sich beeindruckt von den kunstinteressierten Kunden, die unter anderem Kokoschkas Träumende Knaben (25.000 €) erwarben. Bei der Galerie Vömel fanden die Liebermann-Blätter ebenso ihr Publikum wie Jawlenskys Liegender weiblicher Akt (14.500 €). Die Galerie Valentien brillierte mit einem Grieshaber-Angebot, von dem zahlreiche Stücke an allen drei Messetagen in den Handel und an Privatleute verkauft wurden, darunter eine anonyme Silberstiftzeichnung von 1961 (8.500 €). Vier Kafka-Erstausgaben von der Strafkolonie (4.000 €) bis zu Betrachtung (9.000 €) waren bei Herbert Blank ebenso schnell vergriffen wie Wittgensteins Tractatus (3.000 €). Dr. Adrian Flühmann schließlich verkaufte My Pretty Pony mit 9 Originallithographien von Barbara Kruger (4.400 €).
Am Samstagabend waren 120 Gäste im Kunstverein dabei, als die Vernissage zur Ausstellung „Das doch nicht äussere“ mit einem Vortrag von Ute Oelmann und Musik von Eberhard Köstler und Lorenzo Petrocca gefeiert wurde. Das George-Archiv bei der Würrtembergischen Landesbibliothek hatte unter der Regie von Dr. Hannsjörg Kowark, Dr. Ute Oelmann und Professor Christoph Perels eine Ausstellung zur Schrift- und Buchkunst Stefan Georges zusammengestellt. Der reich illustrierte Ausstellungskatalog gleichen Titels wurde wie jedes Jahr von Friedrich Pfäfflin eingerichtet. Das Schmuckstück in George-Manier ist in der Geschäftsstelle erhältlich.
So war die 48. Stuttgarter Antiquariatsmesse eine „rundum gelungene Veranstaltung“, betonte der Vorsitzende des Verbands Deutscher Antiquare Eberhard Köstler. „Ein Beweis mehr, dass sich der Antiquariatsbuchhandel antizyklisch verhält. Denn gerade in Krisenzeiten greifen die Menschen auf das zurück, was nicht vergänglich ist, sondern sich in einer 500 Jahre langen Tradition bewährt hat – auf das alte Buch. Büchersammler sind unbestechliche Indivualisten. Und wir freuen uns, ihnen auch in Zukunft Ende Januar in Stuttgart ein solches internationales Forum bieten zu können.“
Die ganze Welt der Bibliophilie - Meisterwerke der Buchkunst auf der 48. Stuttgarter Antiquariatsmesse
Die 48. Stuttgarter Antiquariatsmesse startet am 30. Januar 2009 mit einem Superlativ: Der Antichrist und die fünfzehn Zeichen ist ein Holztafeldruck aus dem Jahre 1472, von Hans Briefmaler (Hans Sporer) mit insgesamt 54 Illustrationen, über die Hälfte ankoloriert in Dunkelblau, Grün, Rot, Rosa und Sepia. Die Blätter sind nach Blockbuchart ineinandergelegt, sodass sich lediglich in der Lagenmitte zwei bedruckte Seiten gegenüberstehen. Der Reiz solcher frühen Blockbücher liegt nicht nur in der reichen Bebilderung, sondern in der „archaisch“ anmutenden Herstellungstechnik: Text und Bild wurden zusammen in eine Holztafel geschnitten. Der Abzug wurde dann im Reiberdruckverfahren hergestellt, weshalb die Blätter nur auf einer Seite bedruckt sind. Daher galten die Blockbücher lange als Vorläufer der Erfindung Gutenbergs, aber inzwischen glaubt man, dass beide Druckverfahren nebeneinander existierten. Mittelalterliche Blockbücher erfreuen sich einer einzigartigen Wertschätzung und gehören zu den begehrtesten Sammelobjekten. Dr. Jörn Günther offeriert das einzige nachweisbare Exemplar des „Antichrist“ für 2.000.000 Euro.
Selten zeigten die 84 Aussteller aus Europa und Übersee eine solche Fülle illuminierter Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucke auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse. Heribert Tenschert wartet gleich mit drei Meisterwerken der mittelalterlichen Illuminationskunst auf. 21 Vollbilder auf Doppelseiten aus Bild und Textanfang, umgeben von Bordüren aus buntem Akanthus, Blumen, Vögeln und Tieren zieren das Stundenbuch des jungen Willem Vrelant, eine Vorstufe zum Horarium der Königin Isabella im Madrider Königspalast. Die lateinische Handschrift auf Pergament entstand in Brügge um 1450/60 (465.000 €). Nicht minder meisterlich illuminiert präsentiert sich das Stundenbuch des Pierre de Foissy und der Guillemette de Dinteville. Die Handschrift stammt aus dem Besançon des 15. Jahrhunderts und wird Guillaume Hugueniot zugeschrieben (220.000 €). Heribert Tenschert komplettiert sein Angebot mit dem MacCarthy-Stundenbuch aus Rouen um 1460, illuminiert vom Meister der Schöffen mit einer Vielzahl von Miniaturen, Bordüren und Medaillons geschmückt, von denen einige Grotesken oder Tierkreiszeichen zeigen (268.000 €).
Inkunabeln sind Höhepunkte auch der Musikgeschichte und nicht zuletzt wegen ihrer aufwendigen Choralnotationen Meisterwerke des Buchdrucks. Eine mit 16 Holzschnitten und zahlreichen Notationen auf vier roten Linien herrlich ausgestattete Musikinkunabel zeigt das Musikantiquariat Dr. Werner Greve mit dem 1494 in Venedig für den Dominikanerorden gedruckten Processionarium ordinis fratrum predicatorum (12.000 €). Im selben Jahr gedruckt und gleichfalls für die Dominikaner bestimmt war das Missale secundu(m) ordinem fratrum predicator(um) ordinis s(an)c(t)i Dominici (18.000 €).
Einen Inkunabel-Sammelband präsentiert der erstmals in Stuttgart ausstellende Steffen Völkel, der mit Johannes Kethams Fasciculus Medicinae (1495) zugleich das erste Buch enthält, das jemals mit medizinisch-anatomischen Illustrationen gedruckt wurde (75.000 €). Auch Hellmut Schumann besticht mit einem Erstlingswerk in der Geschichte der Wissenschaften: Johannes Balbus’ Catholicum aus Nürnberg 1486 ist ein in kostbares Kalbsleder gebundener und mit Rosenstempeln verzierter Meilenstein der Philologie. Es enthält das erste gedruckte Wörterbuch (20.000 €). Die erste Darstellung von Wilhelm Tells Apfelschuss macht Etterlins Kronica von der loblichen Eydtgnoschaft 1507 zu einer Besonderheit (August Laube, 26.000 €). Welchen Einfluss Georg Agricolas Vom Bergkwerck XXI Bücher auf seine Zeit ausübte, beweist dagegen das von Robert Wölfle angebotene Exemplar: Die Ausgabe von 1557 gehörte dem Bergwerksbesitzer Balthasar Geyr in Joachimsthal, wo Agricola als Arzt wirkte, und wurde von Geyr mit zahlreichen Marginalien versehen (12.500 €). Wohl kaum ein Denker jedoch hat die Menschheitsgeschichte so stark geprägt wie Nikolaus Kopernikus. Seine Schrift De revolutionibus orbium coelestium, Libri VI begründete unser heutiges Weltbild (Dr. Paul Kainbacher, 85.000 €).
Von der Renaissance zur Moderne, von den Wissenschaften zu den schönen Künsten – die Stuttgarter Antiquariatsmesse lebt von der Vielfalt, die sich in ihren Gegensätzen zeigt. Prachtvolle Tafelwerke wie Weinmanns Phythanthoza Iconographia aus den Jahren 1737 bis 1745 mit über 1025 kolorierten Tafeln exotischer Pflanzen (Junk, 127.000 €) stehen neben seltenen Widmungsexemplaren wie Georg Trakls Gedichten, die dieser „Ludwig Thoma respektvollst überreicht(e)“ (Linke, 12.000 €). Unikate wie die Kompositionsskizzen Hanns Eislers (Löcker, 50.000 €) liegen in den Vitrinen neben eigenhändigen Briefen Friedrich Schillers (Kotte, 39.000 €) oder einer ganzen Briefsammlung von Schachspielern (Köstler, 7.500 €), während in den Regalen als die Summe aufgeklärter Wissenschaften Diderots und d’Alemberts Encyclopédie in der ersten Ausgabe (Inlibris, 75.000 €) in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem gleichfalls französisch „sprechenden Bilderbuch“ oder Livres d’images parlantes von 1880 (Keune, 1.800 €) anzutreffen ist. Reiss & Sohn wiederum widmen sich mit Schäffers außerordentlich seltener Erstausgabe von 1765/67 einem sehr weltlichen Aspekt der Buchkunst: Versuche und Muster ohne alle Lumpen oder doch mit einem geringen Zusatze derselben Papier zu machen (45.000 €).
Rembrandt Harmenszoon van Rijns Radierung Greis mit gespaltener Pelzmütze 1640 ist das Glanzstück der Altmeistergraphik bei Helmut H. Rumbler (55.000 €). HAP Grieshabers Farbholzschnitt Deutschland 1952/1969 bildet den Höhepunkt der Moderne im diesjährigen ganz dem Künstler von der Achalm gewidmeten Angebot der Galerie Valentien (58.000 €), während die Galerie Vömel das Werk Max Liebermanns in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt und die Galerie St. Gertrude mit dem Oeuvre Dieter Roths und Horst Janssens in die Gegenwart weist.
Von der Inkunabelzeit bis zur Moderne – attraktiver kann sich die ganze Welt der Bibliophile an einem einzigen Wochenende kaum zeigen wie vom 30. Januar bis zum 1. Februar 2009 im Württembergischen Kunstverein auf der 48. Stuttgarter Antiquariatsmesse.
„Fürs schönheit verlangende auge“ - Buch, Kunst und Literatur
„Ebenso wird jedes ordnung und schönheit verlangende auge und jeder freund seiner sprache und seines volkes die abschaffung jener verderbten hässlichen schrift begrüssen die man fälschlich als urdeutsche bezeichnet und die uns ständig in so aufdringlicher weise die abkunft unsres ganzen schrifttums vom barock vorwirft.“
Für Stefan George war die Frage der Schönheit vor allem eine Frage von Buchkunst und Typographie. Was aber ist „schön“? Für Bibliophile sind die von George verachteten barocken Meisterwerke nicht minder schön wie die mittelalterlichen Illuminationen, die kunstvollen Ornamente des Jugendstils oder die klaren Schriftbilder der Moderne. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, und ein Rundgang über die 48. Stuttgarter Antiquariatsmesse verdeutlicht einmal mehr, wie vielfältig diese sein kann, geht es um Buch, Kunst und Literatur.
„Vollkommene Ruhe und Schönheit“ strahlen die Fotografien Hiroshi Sugimotos aus. Dr. Adrian Flühmann bietet drei De-luxe-Ausgaben der Fotobücher Sea of Buddha, Time Exposed und Theaters an, von denen nur wenige Exemplare erschienen und davon wiederum viele bei einem Transport zerstört wurden. Sugimoto gilt als einer der bedeutendsten Künstler der Neuzeit. Die limitierten Auflagen seiner Fotobücher, „faszinierend und rätselhaft zugleich“, sind heiß begehrt (22.000 €).
Soeben kam Heinrich Breloers Verfilmung von Thomas Manns Buddenbrooks in die Kinos. Die äußerst seltene, da in nur 1.000 Exemplaren gedruckte Erstausgabe des Jahrhundertromans liegt bei Herbert Blank (12.500 €) in der Vitrine. Hugo von Hofmannsthals Der Kaiser und die Hexe mit den Zeichnungen und dem mehrfarbig lithographierten Doppeltitel von Heinrich Vogeler-Worpswede war ein Höhepunkt der Jugendstil-Buchkunst (10.000 €), während i 10. Internationale Revue zu den wichtigsten Zeitschriften der künstlerischen Avantgarde zählte. 1927 bis 1929 in Amsterdam erschienen, enthält die Revue in 19 Heften Beiträge von Baumeister, Kandinsky, Moholy-Nagy, Mondrian, Schwitters und Benjamin. Sie ist wie Hofmannsthals Hexe ebenfalls bei Blank zu bewundern (20.000 €). André Levinsohns Monographie über Léon Bakst fasziniert mit Illustrationen von Modigliani. Im Handel nur sehr selten anzutreffen, wird eines von 250 Exemplaren der Erstausgabe bei Bernard J. Shapero die Blicke auf sich ziehen (3.500 €).
Der klassischen Literatur fühlen sich 2009 Wolfgang Braecklein und Norbert Donhofer verpflichtet. Donhofer entführt die Besucher ins Spanien des 15./16. Jahrhunderts mit der tragikomischen Geschichte von Don Quixote. Miguel de Cervantes Saavedras El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha ist nicht nur der erste Roman der Literaturgeschichte, sondern in der Ausgabe Brüssel 1607 auch die erste außerhalb der Iberischen Halbinsel gedruckte Fassung des literarischen Meisterwerks (Donhofer, 88.000 €). Wolfgang Braecklein kündigte Ende 2008 eine Folge von fünf Katalogen mit der Bibliothek des Sammlers F. Georg Miller an. Teil 1 erscheint zur Stuttgarter Antiquariatsmesse, wo Braecklein die Höhepunkte des Angebots präsentiert, darunter Wezels Robinson Krusoe in der Erstausgabe 1779/80 (10.000 €).
Schönheit im Kinderbuch sieht ganz anders aus. Wilfried Blechers Gestiefelter Kater ist bunt und lustig, die von Sabine Keune offerierten Blätter (Tempera auf Karton) waren Entwürfe für ein Märchenbuch (1.200 €). In seiner Frühzeit illustrierte Adolf Menzel ein Kinderbuch von Emilie Feige mit 30 Federlithographien. Der kleine Gesellschafter für freundliche Knaben und Mädchen aus dem Jahr 1836 ist außerordentlich selten und von Winfried Geisenheyner auf 16.800 Euro taxiert. Ebenfalls bei Geisenheyner zu sehen ist eine Folge von 14 signierten Originalaquarellen, die der Hegenbarth-Schüler Otto Schuber für Die sieben Schwaben anfertigte (12.000 €). Aber was ist das alles gegen ein Buch, das sprechen kann? In dem 1880 veröffentlichten Livres d’images parlantes hängen Katzen, Hunde, Vögel und sonstiges Getier an Fäden, wenn die Kinder daran ziehen, beginnen sie zu „sprechen“ (Keune, 1.800 €).
Mit den Antiquaren Hartmut Erlemann, Schmidt & Günther, Die Schmiede und Günter Linke ist die Moderne stark vertreten. Erlemann zeigt eines der schönsten Objekte der Ashendene Press, die Carmina Alcaica des Horatius Flaccus, handgebunden in dunkelblaues Originalmaroquin (7.500 €). Die Erstausgabe des Erstlingswerkes von Gottfried Benn Morgue und andere Gedichte offeriert Die Schmiede (3.200 €). Thomas Manns Wälsungenblut mit Steindrucken von Th.Th. Heine und einer Extrasuite der Lithographien auf Chinapapier, signiert von Künstler und Verfasser, gibt es nur in 30 Exemplaren und bei Schmidt & Günther für 28.000 €. Ein weiteres Rarissimum dort: Schillers Räuber aus der Avalun-Presse. Der Vorzugsausgabe in 50 Exemplaren ist eine zusätzliche Suite der Lithographien von Lovis Corinth beigegeben (7.800 €). Kirchners buchkünstlerisches Hauptwerk, die Illustrationen zu Heyms Umbra Vitae, runden den Buchgenuss bei Schmidt & Günther ab. Das bedeutendste Werk des Expressionismus wird für 12.000 € sicher einen Liebhaber finden. Günter Linke, erstmals in Stuttgart, setzt neue Akzente in der Moderne mit Kokoschkas Träumenden Knaben aus der Wiener Werkstätte von 1908 (25.000 €) oder Tristan Tzaras La première Aventure céléste de Mr. Antipyrine, der sein von Marcel Janco illustriertes Werk nach einem Migränemittel benannte, das er häufig zu nehmen pflegte (15.000 €).
Bleibt ein Ausblick aufs 21. Jahrhundert. Die Galerie St. Gertrude ist auf die Werke Dieter Roths, Jürgen Brodwolfs und Horst Janssens spezialisiert. Brodwolfs Im Kerngehäuse (450 €) oder Janssens signiertes Fragment von Schwänzen (2.400 €) liegen im Trend der Zeit. Was Stefan George wohl dazu gesagt hätte?
Große Rochade - Autographen für Bibliophile und Schachspieler
Die Schachliteratur gehört zu den begehrten Objekten des Antiquariatsbuchhandels. Eberhard Köstler offeriert eine ganze Sammlung von über 100 Postkarten, Briefen, Turnierprogrammen, Weihnachtsgrüßen, Kohlezeichnungen und Fotografien von Aljechin über Karpow, Kortschnoi bis zu Boris Spassky. Die Dokumente stammen aus dem Besitz von Adolf Seitz, Rafael Ehrmanntraut und Walter Kosenow. Das „Schach matt“ im Konvolut dürfte jedem Schachspieler 7.500 Euro wert sein.
Das Antiquariat Löcker brilliert mit Kompositionskizzen und frühen Reinschriften Hanns Eislers aus den Jahren 1926 bis 1928. Die bisher der Forschung unbekannten Notizen erlauben einen Einblick in den frühen Schaffensprozess des Musikers, der nach dem Bruch mit Arnold Schönberg eine eigene charakteristische Musiksprache entwickelte (50.000 €). Eine ganz andere Musikrichtung vertrat Richard Wagner, dessen eigenhändiger Brief vom März 1870 von Hellmut Schumann angeboten wird (3.750 €).
Inlibris favorisiert das Zeitalter des Barocks mit einem Brief des Johann Amos Comenius an Martin Opitz, geschrieben in Lissa, dem Zentrum des Dreißigjährigen Krieges (18.000 €), sowie einem Schriftstück Gottfried „Götz“ von Berlichingens zu Hornberg, das dieser an die Fürstbischöfe von Würzburg richtete (14.000 €). Wilhelm von Humboldt ist der Gelehrte des 19. Jahrhunderts schlechthin. Sein eigenhändiges Manuskript, 1806 geschrieben und vom Bruder Alexander bezeichnet, stellt eine Rarität ersten Ranges dar (J.A. Stargardt, 20.000 €). Thomas Kotte schlägt den Bogen von der Aufklärung in die Moderne: Moses Mendelssohn verfasste Notizen zu J.G. Sulzers Essai sur le bonheur des êtres intelligens und gab freimütig zu, „nicht recht in die sehr abstrakte Begrife des Hl. Professors entrirt“ zu sein (25.000 €), während Friedrich Schiller sich eher ungnädig mit den weltlichen Dingen des literarischen Lebens befasste und den „berühmten Buchhändler in Leipzig“ S.L. Crusius vertröstete (39.000 €). Das Glanzstück liefert Georg Trakl, dessen Handschriften und Widmungsexemplare sehr gesucht sind. Sein Brief an den jüngeren Bruder Friedrich, hier „Fritz“ genannt, wurde in Wien nach dem 1. Oktober 1910 aufgegeben (Kotte, 55.000 €).
„Und sie bewegt sich doch“ - Bücher, die die Welt veränderten
„Und sie bewegt sich doch!“, sagte Galileo Galilei. Der Satz brachte den Physiker und Astronomen in einen lebenslangen Konflikt mit der Inquisition, denn er untermauerte eine These, die Nikolaus Kopernikus gut 100 Jahre zuvor aufgestellt hatte. Selten hat ein Buch die Welt so sehr bewegt, gar aus den Angeln gehoben wie Kopernikus’ De revolutionibus orbium coelestium, Libri VI. Sollte die Erde sich tatsächlich um die Sonne und nicht die Sonne um die Erde, um den Menschen drehen? Die Erstausgabe erschien 1543, die zweite 1566 in Basel. 1616 kam das Buch auf den Index der katholischen Kirche. Kopernikus erlebte die umwälzende Wirkung seiner Ideen nicht mehr, für die Forscher wie Galilei ihr Leben (oder ihre Überzeugungen) riskierten. Auf der 48. Stuttgarter Antiquariatsmesse zählt De revolutionibus zu den Höhepunkten des Angebotes von Dr. Paul Kainbacher (85.000 €).
Rundherum
Die ganze Welt in einem Buch erfasste Sebastian Münster in seiner Cosmographia. Fons Blavus offeriert die umfangreichste Ausgabe 1752 mit zahllosen Holzschnitten und Karten (17.500 €). Vespucci schaute in die Sterne: Zum internationalen Jahr der Astronomie findet sich bei Michael Kühn dessen Oratio de laudibus astrologiae, gedruckt in Venedig 1508 (10.000 €). Ortelius kartographierte: Monika Schmidt präsentiert mit dessen Theatrum oder Schawplatz des erdbodems 1572 eines der berühmtesten Kartenwerke überhaupt (52.000 €). Von 1599 bis 1667 versammelte Aldrovandi erstmals in einer großen Enzyklopädie in 13 Bänden und mit Tausenden von Holzschnitten alles, was über die Natur und den Kosmos vor dem 18. Jahrhundert bekannt war. Aldrovandis Opera sind am Stand des niederländischen Antiquariats Forum zu bewundern (79.500 €). Zur Zeit der Aufklärung setzten Denis Diderot und Jean Le Rond d’Alembert dann neue Maßstäbe für das, was die ganze Welt in einem Buch erfassen sollte. Ihre Encyclopédie, ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers ist bis heute ein beispielloses Meisterwerk der Wissenschaften und, vollständig mit allen Bänden und Tafeln, das Glanzstück des Messeangebotes von Inlibris (75.000 €).
Unter Kannibalen
Die Welt wäre kleiner, hätte sie nicht Abenteurer wie James Cook hervorgebracht. Wir wiederum wüssten nichts von deren Schicksal, wären nicht mutige Männer wie Heinrich Zimmermann an ihrer Seite gereist. Zimmermann begleitete Cook auf seiner dritten, letzten Reise mit der Discovery und war einer der Augenzeugen von Cooks tragischem Tod auf Hawaii, worüber er einen heute kaum auffindbaren Bericht verfasste. Danach wurde er: „Churfürstlicher Leibschiffmeister“ auf dem Starnberger See! Johann Edlinger porträtierte den Helden und dessen Frau Barbara um 1782. Die Gemälde sind beim Brockhaus/Antiquarium für 18.000 Euro zu erwerben.
James Cooks drei Weltumsegelungen dokumentierten von 1774 bis 1788 Hawkesworth, Forster und King. Alle drei deutschen Erstausgaben sind bei Ralf Eigl erhältlich (25.500 €), ergänzt durch Georg Forsters Geschichte der Reisen aus dem Jahr 1791 (13.500 €) und einen neuen Katalog, der den Entdeckungen Cooks gewidmet ist. Nach wie vor faszinieren die südlichen und östlichen Regionen die Entdecker und die Sammler ihrer Entdeckungsgeschichten. Carl Freiherr von Hügels vierbändiges Opus über Kaschmir und das Reich der Siek ist selten auf dem Markt (Brockhaus/Antiquarium, 5.500 €), das schönste Tafelwerk über den Himalaya offeriert wiederum Ralf Eigl: James Baillies Views in the Himala Mountains von 1820, mit 20 handkolorierten Aquatintatafeln ein ebenso rares wie imposantes Werk (62.000 €). Pigafettas Relatione del reame di Congo et delle vellum, 1591 in Rom erschienen, ist die große Seltenheit der Afrika-Forschung (Forum, 63.600 Euro). Und ein Franzose erklärte schon 1776, wie man unter extremen Klimabedingungen überleben kann: D’Albaret verfasste 1776 das erste Werk über die koloniale Tropenarchitektur Différens projets relatifs au climat (Erasmushaus, 18.500 €).
Ansichten der Natur
Zeichner, Kupferstecher und Lithographen waren begehrte Begleiter auf den Entdeckungsreisen der Forscher und in den Kabinetten der Heimkehrer, konnten sie doch das ins Bild setzen, was sich schwer in Worte fassen ließ: die Flora und Fauna exotischer (und nicht ganz so exotischer) Länder. Die Bibliophilie verdankt ihnen prachtvolle Tafelwerke. Weinmanns Phythanthoza Iconographia 1737/1745 enthält „etlicher Tausend so wohl einheimisch-als ausländischer aus allen vier Welt-Theilen ... Pflanzen, Bäume, Stauden, Kräuter, Blumen, Früchte und Schwämme“ und gilt als das erste Tafelwerk in Mezzotintomanier (127.000 €). Ebenfalls bei Junk bestechen Waldsteins Descriptiones et icones plantarum rariorum Hungariae (1799-1812), die erste und einzige Ausgabe des monumentalen Werkes über die Pflanzenwelt Ungarns. Das berühmte Raupenbuch Maria Sibylla Merians Erucarum ortus, alimentum et paradoxa metamorphosis von 1718 zieht mit 153 kolorierten Tafeln bei F. Neidhardt die Blicke auf sich (22.000 €), ebenso wie eines der schönsten Schmetterlingsbücher: Moses Harris’ The Aurelian: or, natural history of English Insects (9.800 €). Wer hingegen Papageien lieber mag, sollte nicht versäumen, beim Tresor am Römer vorbeizuschauen, um Souances Iconographie des Perroquets von 1857 zu betrachten (19.500 €).
Die Welt im Kopf
Sebastian Münster reiste nur in der Fantasie. Ähnlich erging es den Philosophen, von denen die meisten die Welt erklärten, aber nicht bereisten. Wilhelm von Humboldt kam nie so weit hinaus wie sein Bruder Alexander, trug vielmehr in Berlin auf 173 Seiten ein alphabetisches Verzeichnis von Personen, Orten und Quellen antiker Ereignisse zusammen. Alexander höchstpersönlich bezeugte den Urheber der Sysiphusarbeit: „Handschrift Wilh. v. Humboldts“. Das Manuskript tauchte zum letzten Mal 1911 im Handel auf – und nun erst wieder bei J.A. Stargardt (20.000 €). Adam Smith klärte die Menschen 1776/1778 über die Natur und Ursachen von Nationalreichthümern auf, bis heute ein Klassiker der Nationalökonomie (Dr. Paul Kainbacher, 14.500 €). Schopenhauer beschäftigte sich mit der Mystik. Das beweist sein Arbeitsexemplar von Georg Böhmes Theosophia, das er mit Randanstreichungen und Notizen versah (Thierstein, 5.700 €). Hegels Interesse galt zunächst dem Staatsrecht, wie seiner auch von Thierstein offerierten ersten gedruckten Veröffentlichung zu entnehmen ist. Hegel war schon 28 Jahre alt, als die Vertraulichen Briefe über das vormalige staatsrechtliche Verhältnis des Waadtlandes erschienen (6.700 €). Nietzsche galten solch weltliche Dinge wenig. Sokratische und die griechische Tragödie war sein dritter Privatdruck und die Vorarbeit zur „Geburt der Tragödie“. Das Rarissimum erschien 1871 in einer Auflage von 30 Exemplaren. Eines der Letzten ist auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse zu finden, ebenfalls bei Daniel Thierstein (18.500 €).
„Bücher, die die Welt verändern“ heißt ein Standardwerk für Bibliophile. Die 48. Stuttgarter Antiquariatsmesse steht im Zeichen der Entdecker, Naturforscher und Philosophen und beweist, wie sehr die Bücher unsere Welt nicht nur verschönert, sondern bewegt haben.






Zitat der Woche
"I find television very educating. Every time somebody turns on the set, I go into the other room and read a book."
"Die Bildung, die das Fernsehen vermittelt, finde ich immens. Jedes Mal, wenn jemand den Fernseher einschaltet, verlasse ich den Raum und lese ein Buch."
Groucho Marx (1890 - 1977)
52. Stuttgarter Antiquariatsmesse
25. bis 27. Januar 2013
Württembergischer Kunstverein
(Schlossplatz 2)
Freitag: 11 - 19.30 Uhr
Samstag und Sonntag: 11 - 18 Uhr

